Dass Deutschland und Russland in diesem Jahr auf 50 Jahre Erdgas-Röhren-Geschäft zurückblicken können, zeigt, auf welcher tragfähigen Basis damals die Erdgasbeziehungen gegründet wurden. Allerdings ist heute das Fundament brüchig: neue Transitländer, die Osterweiterung der EU, die Schaffung des Binnenmarktes und nicht zuletzt Russlands Vorgehen in der Ukraine haben dazu beigetragen. 

Nord Stream 2, im Geiste der Ostpolitik gedacht, hat die Spaltung in der EU verschärft. Die USA treiben mit ihrer Sanktionspolitik den Keil noch weiter. Berlins Handlungsspielraum ist geschwunden. Ungeachtet der politischen Entfremdung fließt Erdgas aus Russland in Rekordmengen nach Deutschland und in die EU. Trotz der schwierigen Sicherheitslage blieb nicht nur die Energiekrise, sondern auch ein Transitstreit zwischen Russland und der Ukraine zu Beginn 2020 aus. Der Blick zurück zeigt, welch Meisterstück der Diplomatie zu Zeiten des Ost-West-Konflikts gelungen ist. Die Erdgas-Röhren-Geschäfte waren ein integraler Bestandteil der Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Die dahinterstehenden Langfristverträge hegten die Risiken für beide Seiten ein, der Nutzen war gleich verteilt. Auch Umweltaspekte kamen schon zum Tragen und der Diversifizierung war in den Ölkrisen der 1970er-Jahre gedient.

Bietet sich vom Blick zurück eine Zukunftsperspektive für weitere 50 Jahre? Aus Energiesicht gäbe es gute Gründe und außenpolitisch ebenso, indes freilich unter neuen Vorzeichen. Gas ist zurück auf der Agenda und als Baustein für Energiewende und Sektorkopplung benannt. Wasserstoff wird schon fast als "Heilsbringer" für viele Probleme der Energiezukunft gehandelt. 

Dies alles, aber vor allem die Tatsache, dass dem großen Wurf einer Wasserstoffökonomie kleine und pragmatische Schritte vorgeschaltet sein müssen, um klimaschädliche Emissionen (auch Methan!) schnell zu reduzieren, spricht dafür. Erdgas wird angesichts des Atom- und Kohleausstiegs wie auch des stockenden Ausbaus von PV und Onshore-Wind in die Bresche springen müssen. Blauer und türkiser Wasserstoff wird notwendig sein, um der "Wasserstoffökonomie" zum Durchbruch zu verhelfen. All das muss in den Green Deal der EU eingebettet werden, der verlässliche Rahmenbedingungen schaffen sollte. 

Dazu müsste sich die EU mit Blick auf Russland zu einem Paradigmenwechsel weg von Versicherheitlichung durchringen. Das scheint ebenso schwierig, wie in Moskau mit Dekarbonisierungswünschen gleich auf offene Ohren zu stoßen. Russland definiert nämlich nicht nur Klimaschutz, sondern auch internationale Regulierung als Herausforderung für die eigene Sicherheit. Eine "grüne Wasserstoffinsel" Deutschland ist energiepolitisch weder denkbar noch außenpolitisch wünschenswert. Denn sowohl fossile Produzenten- als auch Transitländer, also unsere Nachbarn, brauchen eine Perspektive, um die geopolitischen Folgen der Energiewende abzufedern und im Pariser Abkommen zu bleiben.
 


Dr. Kirsten Westphal ist Wissenschaftlerin und Leiterin des Projekts "Geopolitik der Energiewende" bei der Stiftung Wissenschaft und Forschung.


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