Herr Töpfer, vor 30 Jahren haben sich nicht nur beide deutsche Staaten vereint. Im Zuge dessen wurde auch die ostdeutsche an die westdeutsche Energielandschaft angeglichen. Sie haben als Bundesumweltminister die Integration mitgestaltet. Wie ist das damals gelaufen?

Die Menschen in der damaligen DDR haben mit einer friedlichen Revolution die Mauer überwunden. Das war nicht ein verordneter Prozess, der nach einer Blaupause ablief, war nicht auf der Grundlage eines Wiedervereinigungsplanes, war weltweit einmalig. Den Menschen in der DDR ist es immer wieder gelungen, aus den begrenzten technologischen Möglichkeiten und erheblichen Ressourcenbegrenzungen die Produktion zu sichern. Ein Beispiel: die DDR war eines der letzten Länder mit einer Karbochemie! Respekt vor diesen Leistungen der Menschen! Mit der Wiedervereinigung musste eine erste Energiewende realisiert werden. Diese war zwingend erforderlich, weil gerade mit der Energiegewinnung und Energienutzung in Ostdeutschland eine besondere Luftbelastung sowie eine sehr hohe CO2 -Emission pro Kopf der Bevölkerung verbunden war. Die DDR war ein reines Braunkohleland. Die Braunkohle wurde verstromt in Kraftwerken mit niedriger Effizienz und überalterter Technik.

Wenn man sich also die Situation unter dem Aspekt der Energiewende anschaut, gab es doch ein Ungleichgewicht. Denn Ostdeutschland war komplett auf die Energieversorgung mit Kohle und Gas ausgerichtet

Der Braunkohlebergbau hat in hohem Maße die Landschaft zerstört, die Braunkohleverstromung die Luft belastet. Es war eine gesundheitsgefährdende und klimaunfreundliche Energieversorgung. Mit den damaligen Umweltministern der DDR war ich als bundesdeutscher Umweltminister davon überzeugt, dass diese Belastung dringend beseitigt werden müsste. Auch in Westdeutschland wurde und wird Kohle für die Energiegewinnung genutzt. Schon damals haben wir den Kohlekumpeln im Ruhrgebiet oder im Saarland klar machen müssen, dass die Förderung zu Ende gehen wird – aus ökonomischen und ökologischen Gründen, obwohl die Luftbelastung und die Pro-Kopf-CO2 -Belastung deutlich niedriger lagen, verglichen mit der DDR. Die ökologische Bewertung der Energieversorgung Ost und West war unterschiedlich. Daher ist es nicht überraschend, dass bei unterschiedlichen Ausgangsbedingungen bei gleicher Zielsetzung unterschiedliche Maßnahmen zu ergreifen, zu entwickeln waren. Die damals begonnene Sanierung der Tagebaue und damit verbunden der Wasserhaushalte hat zu Recht große Investitionen in Anspruch genommen, hat damit auch vielen Menschen einen sinnvollen Arbeitsplatz gesichert. Die Erfolge sind sehr sichtbar. Das war und ist ein Sanierungsprogramm mit den Menschen und für die Menschen, hat jedwede Luftbelastung deutlich vermindert und Landschaftsgestaltung ermöglicht. 

Das Jahr 1990 gilt ja auch als Referenzjahr für die Daten, die wir im Kontext der Energiewende nutzen. Haben wir eigentlich die Hoffnung von damals übertroffen oder nicht erfüllt? Wie schätzen Sie das ein?

Die Frage nach der Festlegung des Referenzjahres war lange sehr umstritten, vor allem im europäischen Kontext. Das Jahr 1990 war in Deutschland noch stark geprägt durch die Einbindung der hohen Belastungswerte aus der DDR-Energieversorgung. Nochmals: Die DDR nahm den zweiten oder dritten Platz der Pro-Kopf-Emissionen an Treibhausgasen weltweit ein. Gleiches galt für die Luftbelastung. Wenn Sie damals bei entsprechender Wetterlage nach Berlin fuhren, dann erlebten Sie Smog-Situationen, die alle Grenzwerte übertrafen. Wenn Sie sich die Entwicklungskurve von CO2 ab 1990 in Deutschland ansehen, sehen Sie einen deutlichen Rückgang. Dieser Rückgang der Pro-Kopf-Emission war der Klimagewinn aus der Wiedervereinigung die Rückführung von CO2 und der Luftbelastung.

Können Sie das bitte näher erläutern?

Die CO2 -Kurve ist nach unten gegangen, weil in neue Kraftwerke investiert worden ist und weil die Braunkohle nicht mehr die alleinige Rolle gespielt hat, sondern andere Technologien mit geringeren spezifischen CO2 -Emissionen sich ökologisch und ökonomisch als besser erwiesen haben. Gleichzeitig ist die Energieeffizienz wesentlich gesteigert worden.

Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, dann geht das nur technologieoffen. Wir müssen den Energieträger Erdgas und grüne Gase nutzen. Wie schätzen Sie die Rolle von Erdgas damals und heute ein?

Wir mussten in jedem Fall die Versorgungssicherheit garantieren. Wenn nicht Braunkohle, was dann? Also hat die Bedeutung vornehmlich von Erdgas quantitativ zugenommen. Wenn Sie sehen, dass auch im Westen Deutschlands keine Steinkohle mehr gefördert wird, dann ergibt sich dieselbe Reihenfolge der Maßnahmen. Gas ist zweifellos am besten geeignet, mit geringeren Emissionen Versorgung sicherzustellen. Gas wird aber, davon können Sie wirklich ausgehen, in nicht allzu ferner Zukunft gesellschaftlich sehr viel stärker unter dem Klimaaspekt diskutiert werden. Damit wird die Frage höchst bedeutsam: Kann man aus Gas klimaneutral Wasserstoff produzieren? Damit haben Sie eine klare Entwicklung von der Verbesserung der Braunkohlekraftwerke über den Ausstieg aus der Braunkohle bis hin zur Zielsetzung, Deutschland als Weltmarktführer für eine Wasserstoffwirtschaft zu etablieren. Damit könnte Wasserstoff das neue Öl der Zukunft werden! Entscheidend ist: Mit welcher Energie wird Wasserstoff erzeugt? Der klimapolitische Königsweg ist die Produktion von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Zu Recht ist der „türkise“ Wasserstoff auch in der Nationalen Wasserstoffstrategie der Bundesregierung genannt – Wasserstoff aus „Methan Cracking“. Damit wird nicht nur Wasserstoff als Energie, sondern auch elementarer Kohlenstoff als Rohstoff vor allem für die Chemie gewonnen. Andere Länder werden „rosa“ Wasserstoff produzieren – Wasserstofferzeugung mit Kernenergie!

Die Diskussionen laufen ja. Wie lange sollten wir blauen Wasserstoff produzieren und akzeptieren? Für die Produktion von grünem Wasserstoff brauchen wir ja ausreichend grünen Strom, um ihn dann auch umwandeln zu können.

Da haben Sie völlig Recht. Man braucht eine Übergangszeit, man muss den Umsteuerungsprozess sehen. Und da stellt sich eine Frage: Wie kann die Zusammenarbeit mit den sonnen- und windintensiven Ländern so gelingen, dass dort „grüner“ Wasserstoff erzeugt und exportiert wird? Jeder, der sich mit dieser Frage intensiver beschäftigt weiß, dass in Deutschland nicht so viel „grüner“ Wasserstoff produziert werden kann, wie wir ihn brauchen. Daher ist es eine zentrale Zielsetzung, Wasserstoff dort zu erzeugen, wo die Solarenergie und die Windenergie besonders günstig sind, wo sie etwa für Solarenergie durch die technologischen Entwicklungen in der Tendenz bis auf einen Eurocent pro Kilowattstunde sinken werden. Also ist die Diskussion rational getragen. Das heißt, auch sehr ökonomisch, im Sinne der Wirtschaftlichkeit.

Wo wir bei der Wasserstoffstrategie sind, Herr Töpfer. Vor der Wiedervereinigung ist dem Stadtgas in Ostdeutschland bereits Wasserstoff beigemischt worden. Wissen Sie, warum das damals nicht auch in Westdeutschland übernommen wurde?

Die Unterschiede der beiden Energieversorgungssysteme, wie ich sie kurz gekennzeichnet habe, waren ausgerichtet auf die Anteilswerte der einzelnen Energieträger in der Energieversorgung, in der Effizienz und damit in der Auswirkung auf Wasser und Luft. Das waren die zentralen Unterschiede. Diese sind zum Vorteil für die Menschen soweit abgebaut, die Versorgungsstrukturen sind sehr vergleichbar und, wie ich meine, auch sehr zukunftsorientiert und zukunftsfähig. Die Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff hatte und hat in den Industrieprozessen Westdeutschlands eine erhebliche Bedeutung. Aktuell sind dies rund 55 Terawattstunden. 

Glauben Sie, dass durch die aktuelle Pandemiesituation der Ausbau der Erneuerbaren und die Minderung der CO2-Emissionen einen Schub bekommen?

Die Pandemie hat uns gezeigt, dass lange und höchst differenzierte Lieferketten betriebswirtschaftliche Effizienzvorteile haben, aber durch mangelnde Resistenz zusätzliche Risiken bringen. Dies hat die Pandemie unstrittig bestätigt. Wir sehen bereits eine „Renaissance des Regionalen“ und konstatieren ein Zunehmen staatlicher Einflüsse. Die Privatisierungswelle wird kritisch hinterfragt, ist nicht mehr angesagt – eher ist das Gegenteil der Fall. Also zwei Entwicklungsrichtungen sind da vorgegeben: Eine Renaissance des Regionalen, des Dezentralen. Das mindert möglicherweise die Effizienz. Aber die Resilienz wird natürlich deutlich erhöht. Durch die Corona-Krise ist sehr, sehr klar geworden, dass eine regionale Lösung sehr viele Vorzüge hat. Nicht nur in der Energieversorgung, in vielen anderen Bereichen genauso. Heute schauen wir im Supermarkt auf die Herkunftsangabe der Produkte. Es wäre ja wundersam, wenn das im Energiebereich nicht auch der Fall wäre. 


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