Wenn Lord Provost Barney Crockett neuen Kraftstoff für seinen Dienstwagen braucht, dann greift er an der Wasserstofftankstelle in Aberdeen schon mal selbst medienwirksam zur Zapfpistole. Der schwarze Toyota des Bürgermeisters wird mit reinem Wasserstoff befüllt, das Auto ist somit absolut klimaneutral unterwegs. Das gilt auch für zwölf Wasserstoffbusse des öffentlichen Nahverkehrs, der zurzeit weltweit größten Flotte ihrer Art, die demnächst noch durch wasserstoffbetriebene Doppeldecker ergänzt wird. Zwar kostet der Treibstoff für die Busse bislang noch deutlich mehr als herkömmlicher Diesel. Aber für Crockett zählt das energie- und umweltpolitische Signal: Aberdeen will sich als Vorreiter einer zukunftsfähigen Wasserstoffwirtschaft in Europa etablieren.

Der Aufschwung der Viertelmillionenstadt an der Nordostküste Schottlands basierte seit Mitte der 1970er-Jahre auf den guten Geschäften mit Öl und Gas aus der Nordsee. Das ist vorbei. Ein verschärfter Klimaschutz hat das Ende des fossilen Zeitalters eingeläutet, zudem sind die Ölvorräte vor der schottischen Küste größtenteils erschöpft. „Der Öl-Abschwung hat geholfen, uns neu zu fokussieren“, sagt Crockett. Im Transformationsprozess hin zu erneuerbaren Energien und CO2- neutralem Wasserstoff soll Aberdeen mit dem über Jahrzehnte angesammelten Know-how einer Energiestadt vorangehen, so Crockett: „Wir wollen Vorbild sein für andere.“ 
In Schottland kommt schon heute mehr als die Hälfte des verbrauchten Stroms aus Windkraftanlagen, die meist weit vor der Küste stehen. In einigen Regionen, wie etwa auf den Orkney-Inseln, übertrifft die Stromproduktion in manchen Monaten den Verbrauch.

Weil der überschüssige Strom schwer zu speichern ist, wird er in Power-to-Gas-Anlagen mittels Elektrolyse in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Dieser „grüne Wasserstoff“ kann als Brenn- und Kraftstoff vielfältig eingesetzt werden. Inzwischen plant die schottische Regierung Offshore-Windparks, in denen nur noch Wasserstoff erzeugt wird. Dieser könnte dann per Pipeline oder Schiff in diverse Abnehmerländer transportiert werden.
Für die britische Energieversorgung unverzichtbar ist aber weiterhin Erdgas aus britischen und norwegischen Feldern in der Nordsee. Nach der Preisverdoppelung von CO2 -Emissionen durch die britische Regierung im Jahr 2015 ist der Anteil von Kohle im Energiemix auf der Insel binnen kürzester Zeit auf nahezu null gesunken. Kohlekraftwerke wurden überwiegend durch deutlich klimaschonendere Gaskraftwerke ersetzt, die nur etwa halb so viel CO2 ausstoßen. Auch aus Erdgas kann durch das erprobte Verfahren der Dampfreformierung unkompliziert sogenannter „blauer“ Wasserstoff erzeugt werden.
 

Aufschwung durch Wasserstoff

Als Kraftstoff einer neuen Energierevolution soll Wasserstoff Aberdeen zu einem frischen industriellen Aufschwung verhelfen. Außer in der öffentlichen Fahrzeugflotte soll er auch in das Gasnetz der Stadt eingespeist werden, zunächst mit einem Anteil von zwei Prozent. Mit dieser Beimischung haben die Gasboiler in privaten Haushalten kein Problem. Mittelfristig soll der Anteil auf bis zu 20 Prozent gesteigert werden, irgendwann sogar 100 Prozent erreichen. Dafür müssten allerdings zunächst die Brenner in den Heizkesseln umgerüstet werden. Außerdem baut Aberdeen schon jetzt die Infrastruktur seines Gasnetzes so um, dass künftig eine immer höhere Beimischung von Wasserstoff möglich wird. 75 Prozent der Leitungen sind bereits erneuert. „Wir beobachten alle Projekte im Vereinigten Königreich sehr genau, die Wasserstoff für Heizungen nutzen“, sagt Stadtrat Philip Bell, dessen Schwerpunktthema die Energiewende in Aberdeen ist. „Besonders interessant ist das Programm HyDeploy der Keele Universität in Nordengland, wo schon jetzt 20 Prozent Wasserstoff in das lokale Gasnetz der Universität eingespeist wird – einen höheren Prozentsatz gibt es aktuell nirgendwo in Europa.“ Die hohe Aufmerksamkeit für solche zukunftsweisenden Ansätze belegt: Aberdeen ist entschlossen, auf Wasserstoff als Energieträger zu setzen. „Wenn wir diesen Transformationsprozess ordentlich managen, wird jeder zum Gewinner“, ist sich Bell sicher. Ein entscheidender Standort des energiewirtschaftlichen Wandels ist der Industriepark St. Fergus, rund 50 Kilometer nördlich von Aberdeen. Hier erreicht rund ein Drittel des in Großbritannien genutzten Erdgases das Festland, das über Pipelines von schottischen und norwegischen Gasfeldern in der Nordsee hergeleitet wird. In einer riesigen Aufbereitungsanlage wird es vor Ort gereinigt und getrocknet und anschließend in das nationale Gasnetz eingespeist.
 

Hier in St. Fergus soll künftig auch das Herz der Wasserstoffproduktion aus Erdgas schlagen. Das Unternehmen Pale Blue Dot Energy will eine Anlage errichten, die in der ersten Stufe jährlich etwa 50.000 Tonnen Wasserstoff herstellen soll. Der Clou des sogenannten „Acorn“-Projekts ist: Das klimaschädliche CO2 wird in dem Prozess abgeschieden und soll in stillgelegten ehemaligen Gasfeldern unter dem Meer sicher verpresst werden. Dieses Verfahren nennt sich Carbon Capture and Storage (CCS). „CCS ist ein Schlüssel zur raschen Dekarbonisierung der Industrie: eine kostengünstige und sichere Technik, um Emissionen zu senken und gesteckte Klimaziele zu erreichen“, sagt Sam Gomersall, Chefstratege bei Pale Blue Dot Energy und verantwortlich für das Projekt Acorn. Einst hat Gomersall als Manager für große Ölfirmen gearbeitet, seit geraumer Zeit treibt ihn aber nun der Klimawandel und die Energiewende um. Vor allem für die Umwandlung von Erdgas in Wasserstoff hat CCS eine enorme Bedeutung: Denn es entsteht klimafreundlicher Brennstoff, während der klimaschädliche Kohlenstoff dauerhaft in die Endlagerstätten unter die Erde verbracht wird. „In den leeren Gasfeldern der Nordsee könnten die Emissionen von Jahrhunderten für das gesamte Vereinigte Königreich gespeichert werden“, ist sich Gomersall sicher.

 

Die CCS-Anlage in St. Fergus, die von der schottischen Regierung und der EU als Zukunftsprojekt finanziell gefördert wird, soll 2024 in Betrieb gehen und langfristig bis zu 90 Prozent der CO2 -Emissionen der schottischen Gasförderung binden. Sam Gomersall denkt aber längst weiter: Zum Preis von umgerechnet etwa 15 Euro pro Tonne lässt sich Kohlendioxid in den ehemaligen Gasfeldern verpressen, also deutlich günstiger als zum Preis im EU-Emissionshandel von derzeit etwa 24 Euro pro Tonne. Für unterschiedlichste Unternehmen könnte es wirtschaftlich sehr attraktiv sein, überschüssiges CO2 über das Terminal St. Fergus in die unterirdische Treibhausgasdeponie zu verbringen. Große Schiffe könnten in St. Fergus anlegen, die CO2 bringen und Wasserstoff wieder mitnehmen.

Referenzanlage zur Speicherung

 „Mit CCS kann das Tempo der Dekarbonisierung beschleunigt werden und es können in nennenswertem Umfang Emissionen eingespart werden“, sagt Gomersall. Die Produktion von Wasserstoff aus Erdgas sei seit Langem erprobt, aber die Abtrennung des CO2 und dessen unterirdische Lagerung sei neu. „Im Acorn-Projekt ist es wichtig, eine Referenzanlage zu errichten, mit der wir lernen können, effizient zu arbeiten und Kosten zu senken. Dann wird Wasserstoff preislich immer attraktiver werden.“ Auch deutsche Unternehmen seien aufgerufen, sich als Investoren an solchen Projekten zu beteiligen. In Aberdeen sieht auch Stadtrat Philip Bell nationale und internationale Geldgeber in der Pflicht, das Best-Practice-Beispiel der Stadt auf das nächste Level zu heben. „Der Einfallsreichtum der Aberdeener hat gezeigt, was alles mit Wasserstoff möglich ist und möglich sein wird. Nun aber geht es darum, die Nachfrage an Wasserstoff weiter zu steigern, um ihn schließlich zu günstigeren Preisen anbieten zu können.“ Ziele und Ehrgeiz seien das eine, doch jede unternehmerische Reise benötige Finanzierung. „Wir wollen große finanzielle Förderer dazu ermutigen, zu einem Teil von Aberdeens Vision zu werden, die letztlich dazu beiträgt, die Zukunft der Erde zu sichern.“


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