Kohlekraftwerke und Kernenergie sind von gestern – Technologien der Vergangenheit. Doch wie wird Deutschland in Zukunft seine Energie erzeugen? Die Erneuerbaren werden den Bedarf allein nicht decken können, dennoch muss die Energieversorgung gesichert sein. "Das Projekt Nord Stream 2 wird die Belieferung des Kontinents noch umfassender absichern", sagt Thilo Wieland, Wintershall-Dea-Vorstandsmitglied unter anderem für Gastransportprojekte. "Es stärkt sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die mittel- und langfristige Energiesicherheit, gerade vor dem Hintergrund der zu erwartenden sinkenden Produktion in Europa." Deswegen setze sein Unternehmen unter anderem auf Pipelinegas aus Russland. Bis Ende 2019 soll das Projekt Nord Stream 2 fertiggestellt sein. Dann verbinden 200.000 Röhren über 1.224 Kilometer die Narwa-Bucht nahe der russischen Stadt Sankt Petersburg mit Lubmin. Parallel zu Nord Stream 1 können jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas fließen. Hinter dem Projekt steht der Erdgasförderer Gazprom. Der russische Energiekonzern trägt als alleiniger Anteilseigner die Hälfte der Gesamtkosten von etwa 9,5 Milliarden Euro. Die andere Hälfte finanzieren die Energiekonzerne Wintershall Dea, Uniper, OMV, Shell und Engie.

Allerdings hat die Pipeline auch Gegner. So stellen sich beispielsweise die USA, Polen und die Ukraine gegen das Projekt. Meist werden geopolitische Gründe genannt, allerdings haben alle Länder auch ein wirtschaftliches Interesse: Sei es der Absatz eigener LNG-Mengen oder die Einnahmen von Transitgebühren. Anders sieht das Mecklenburg-Vorpommerns Energieminister Christian Pegel (SPD). Er sagt: "Durch die Erweiterung der Ostsee-Pipeline und die transnationale Weiterleitung des russischen Erdgases trägt Deutschland zur europäischen Energiesicherheit bei." Inmitten dieses Geopolitikums findet sich Lubmin, eine Gemeinde mit rund 2.000 Einwohnern im Nordosten Deutschlands. "Die internationale Beachtung nervt bisweilen", sagt ihr ehrenamtlicher Bürgermeister Axel Vogt (CDU). Die Diskussion werde von außen reingetragen. "Unter uns Lubminern gibt es sie nicht." Ohnehin sei die Debatte mehr von wirtschaftlichen als von politischen Interessen getrieben.

Die geltenden Gesetze legen hohe Hürden an die Umweltstandards an.

Wirtschaftlich gesehen zahlen sich die Ostsee-Pipelines für Lubmin aus. "Für Nord Stream 1 nehmen wir jährlich bis zu 1,5 Millionen Euro an Gewerbesteuer ein", sagt Vogt, der hauptberuflich als Rechtsanwalt tätig ist. Für Nord Stream 2 erwarte er zusätzliche Einnahmen in gleicher Höhe. Ein Teil des Geldes fließe in den Bau von Straßen und Wegen und die Sanierung des Stadions. "Wir unterstützen auch gesellschaftliches Engagement in örtlichen Vereinen", erklärt Vogt. "Da die zweite Pipeline im letzten Abschnitt nicht exakt parallel zur Nord Stream 1 verläuft, waren völlig neue Bauarbeiten und Ausschreibungen nötig", sagt Vogt. "Die Aufträge sind in ähnlicher Höhe wie bei Nord Stream 1 vergeben worden." Arbeiter für Tief-, Stahl- und Wasserbau sowie Konstruktionsmechaniker wurden teilweise in Lubmin eingestellt. Auch Kleinunternehmer erhielten Aufträge und haben zum Beispiel Anlagen mit Feuerlöschern bestückt.
 

Das dürfte sich mit dem Abschluss des Projekts ändern. „Die Anlage selbst braucht wenige Arbeitskräfte. Auf der Nord Stream 1 arbeiten nur elf Leute, Dienstleistungen kommen punktuell hinzu. "Wir leben aber auch nicht nur von Nord Stream 1 und Nord Stream 2", stellt Vogt klar. Ansässig sind mittelständische Betriebe wie die Lubmin Oils GmbH oder Serviceunternehmen wie die Maschinenund Armaturenwerkstatt Lubmin GmbH. Auch wenn die zweite Ostsee-Pipeline bei den Lubminern akzeptiert ist, zeigen sich Umweltschützer besorgt. Minister Pegel sieht dafür allerdings keinen Grund: "Die Planfeststellung und die geltenden Gesetze legen hohe Hürden an die Umweltstandards an", erklärt er. Für Nord Stream 2 sind auch Bauzeitenfenster vorgeschrieben, die die Rastzeiten von Seevögeln berücksichtigen. Zudem habe bei Nord Stream 1 ein mehrjähriges Umweltmonitoring entlang der in der Ostsee verlegten Röhren die zügige "Heilung der Umwelteingriffe" dokumentiert. "Die Natur hat sich dort ihren Raum zurückerobert."