Das Henne-Ei-Problem hat Wilhelmshaven schon längst für sich geklärt, sagt John H. Niemann. Zuerst war der Hafen da. Dann kam die Stadtentwicklung. Niemann, Jahrgang 1947, ist Präsident der Wilhelmshavener Hafenvereinigung (WHV). Er gehört zu jenen Unternehmern, die den Verein vor rund 35 Jahren gegründet haben. „Wir sind der Motor aller maritimen Dinge“, sagt er. Niemann steht an einem sonnigen Tag im April im Konferenzraum der WHV und zeigt auf einen großen, schwarzen Tisch: „Hier haben wir damals den Jade-Weser-Port initiiert.“ Seit 2012 ist der inzwischen in Betrieb. Im vergangenen Jahr wurden 655.790 Standardcontainer (TEU) umgeschlagen, mit rund 18 Prozent ein zweistelliges Wachstum – und das zum dritten Mal in Folge. „Wilhelmshaven hat die besten Voraussetzungen: eine direkte Autobahnanbindung in den Hafen, kurze Revierfahrten, tiefes Fahrwasser und viel Fläche“, sagt Niemann stolz. 
 

Auch deswegen steht der Tiefseehafen im Interesse internationaler Energiepolitik. In der Stadt am Jadebusen könnte bald Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) aus Katar oder den USA anlanden und ins deutsche Netz verteilt werden. Denn: LNG braucht keine Pipelines. Das Gas verliert heruntergekühlt das rund 600-fache an Volumen und kann so per Schiff befördert werden. Um es ins Gasnetz einzuspeisen – die Anbindung erfolgt in der Nähe von Etzel – oder als Treibstoff zu nutzen, muss es allerdings in seinen ursprünglichen Zustand versetzt werden. Zusammen mit Partnern plant der Energiekonzern Uniper in Wilhelmshaven daher den Bau eines schwimmenden LNG-Terminals: ein Schiff mit einer Regasifizierungsanlage (Floating Storage and Regasification Unit, FSRU). Die geschätzten Investitionskosten: bis zu 450 Millionen Euro. „Mit der FSRU spart man etwa eine halbe Milliarde im Vergleich zu einer landgestützten Anlage“, sagt Niemann. „Für die schwimmende Anlage spricht unter anderem die wesentlich schnellere Realisierbarkeit“, sagt der Wilhelmshavener Oberbürgermeister Andreas Wagner. Wenn alles klappt, soll sie Ende 2022 in Betrieb gehen.
 

Die FSRU in Wilhelmshaven ist aus maritimer Sicht die beste Lösung

Es wäre ein weiteres wichtiges Wirtschaftsprojekt für den Hafen der gebeutelten Stadt. In den Neunzigerjahren schlossen hier große Arbeitgeber wie die Kammgarnspinnerei Wilhelmshaven oder AEG Olympia ihre Werkstore. Die Einwohnerzahl sank von damals 90.000 auf etwa 75.000 Menschen. Niemann sagt, am Hafen seien in den vergangenen zwei Jahren Tausende Arbeitsplätze entstanden. Hunderte kämen allein in diesem Jahr noch hinzu. Der Oberbürgermeister erwartet mit Beginn des LNG-Projekts darüber hinaus noch bis zu 200 Arbeitsplätze in weiteren Bereichen. Bislang hat Deutschland noch kein LNG-Terminal. Infrage kommen neben Wilhelmshaven auch Brunsbüttel, Stade und Rostock. Eine LNG-Potenzialanalyse der Beratungsgesellschaft Merkel Energy aus dem Jahr 2017 sieht Wilhelmshaven aber klar im Vorteil. „Im Gegensatz zu den anderen Häfen können hier große Containerschiffe mit 345 Meter Länge uneingeschränkt manövrieren“, sagt Hans-Joachim Uhlendorf, Vizepräsident der WHV. Bei einer Fahrrinnenbreite von 700 Metern müsse kein Begegnungsverkehr geregelt werden. Ein weiterer Vorteil: LNG-Schiffe, die etwa 200.000 Kubikmeter verflüssigtes Erdgas transportieren, haben meistens einen Tiefgang von 12,5 Metern. „Wir haben 18 Meter Wassertiefe“, sagt Uhlendorf. Das ist mehr als genug Platz. 
 

In Deutschland werden jährlich rund 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht, zehn Milliarden könnten in Wilhelmshaven anlanden. „Wilhelmshaven ist bereits heute ein bedeutender Standort sowohl für die Logistik als auch den Umschlag von Energie“, sagt Niels Fenzl, Vice President Transportation and Terminals bei Uniper. Die FSRU in Wilhelmshaven sei die schnellste, wirtschaftlichste und aus maritimer Sicht die beste Lösung. Das gelte auch für die Anbindung an das Erdgasnetz. Der Stadt fehlt nur noch eine 24 Kilometer lange Pipeline zur Kavernenanlage in Friedeburg-Etzel, eine der weltweit größten Lagermöglichkeiten für Erdöl und Erdgas. „Es wäre ganz schön, wenn wir eine Alternative aus anderen Ressourcen haben“, sagt Niemann im Hinblick auf den Bezug von Erdgas aus Russland und Norwegen. Auch die Bundesregierung sieht in LNG-Importen aus Ländern wie USA oder Katar einen wichtigen Schritt zur Diversifizierung der Bezugsquellen. Laut Fenzl zeigen schon allein die Zahlen der von Uniper gehandelten Cargos, also Schiffsladungen an LNG, die Dynamik am LNG-Markt. „In den Jahren 2013 bis 2017 waren es im Schnitt 15 bis 50 im Jahr, im letzten Jahr sind wir auf 130 hochgeschossen“, sagt er. Für 2019 erwartet der Konzern wieder mindestens 100 Cargos. 
 

Selbst wenn noch nicht final geregelt ist, woher das Gas nach Wilhelmshaven importiert werden würde, „unstreitig dürfte der arabische Raum als Herkunftsregion infrage kommen“, erklärt Wagner. „Der Markt kann aber in fünf bis zehn Jahren gänzlich anders sein als heute.“ Bislang scheint sich der Markt mit Wilhelmshaven zu versöhnen. Seit fünf Jahren steigt die Einwohnerzahl wieder. Ende 2018 lebten hier 79.218 Menschen. Die Arbeitslosenquote fiel von zwölf Prozent in 2016 auf heute 10,6 Prozent. Zum Vergleich: In Niedersachsen lag sie im März 2019 bei rund fünf Prozent. „Das dauert hier alles etwas länger als woanders, aber im Moment sind wir in einer guten Phase“, sagt Niemann. „Drücken wir die Daumen, dass es so bleibt.“