Europa will bis 2050 klimaneutral werden. Die CO2 -Emissionen zu senken, reicht nicht. Deshalb wird wieder über Alternativen wie CCS diskutiert. Die vorhandene Gasinfrastruktur kann hier wertvolle Dienste leisten.

Die CO2-Uhr tickt: Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, dürften weltweit nur noch knapp 420 Gigatonnen (Gt) CO2 emittiert werden, schreibt der Weltklimarat (IPCC) in seinem Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel von Oktober 2018. Das Ausgangssjahr dafür war 2017. 

Doch die Menschheit stößt jährlich etwa 42 Gigatonnen CO2 aus. Somit ist das Budget voraussichtlich 2027 aufgebraucht. Weltweit haben Klimawissenschaftler deshalb große Zweifel, dass es reicht, die CO2-Emissionen einfach nur zu reduzieren – zusätzlich muss das klimaschädliche Gas der Atmosphäre nachträglich wieder entzogen werden. „Carbon Dioxide Removal“ (CDR) nennen sich solche CO2-Rückholmethoden, die längst in den Modellrechnungen des IPCC zur Rettung des Klimas einkalkuliert sind. 

Zu den vielversprechenderen zählt das sogenannte Carbon Capture and Storage (CCS). Dabei wird CO2 in Kohle oder Gaskraftwerken, Zement- und Stahlwerken aus den Abgasen herausgefiltert, anschließend verflüssigt und über Pipelines mit hohem Druck in unterirdische geologische Formationen gepresst. Das können leergepumpte Öl- und Gasfelder an Land oder Gesteinsschichten unter Wasser sein. Beim BE-CCS wird Biomasse in Kraftwerken verheizt, das dabei freiwerdende CO2 aufgefangen und anschließend tief unter der Erde gespeichert.
 

CCS im Praxistest

Weltweit gibt es derzeit 19 CCS-Projekte, das jüngste ist im August in Australien an den Start gegangen. Norwegen testet CCS – erfolgreich und bislang leckagefrei – bereits seit 1996 auf der Gasförderplattform Sleipner im norwegischen Teil der Nordsee, seit 2008 im Snøhvit-Gasfeld in der Barentssee. 

Der norwegische Energiekonzern Equinor lagert hier 700.000 Tonne CO2 pro Jahr in den salinen Gesteinsmassen des Meeresbodens – zum Großteil finanziert von der norwegischen Regierung. Das Konsortium Northern Lights, das Equinor 2017 (damals noch als Statoil) zusammen mit Shell und Total ins Leben gerufen hat und das in Teilen ebenfalls staatlich gefördert wird, plant eine CCS-Demonstrationsanlage für Industrieabgase mit einer jährlichen Kapazität von fünf Millionen Tonnen CO2

Das Konsortium will dafür bereits vorhandene Erdgaspipelines unter dem Meer nutzen. Über sie wird das CO2 dann zu salinen Gesteinsmassen im Troll-Gasfeld rund 65 Kilometer westlich von Bergen transportiert. Norwegens größte Umweltorganisation Bellona unterstützt das Projekt, sie sieht in der CO2-Abscheidung einen der wichtigsten Hebel für die Dekarbonisierung. 

Norwegen will die Northern-Lights-Anlage Industrieunternehmen aus ganz Europa zur CO2-Lagerung anbieten und hofft auf Unterstützung aus der EU. Für Norwegen wäre das eine neue Einnahmequelle, wenn Öl- und Gasförderung irgendwann versiegen. Für europäische Industrien könnte es ein Weg sein, ihren enormen CO2-Ausstoß zu handhaben. Zwei Pilotkunden hat Northern Lights schon: die zur deutschen HeidelbergCement-Group gehörende Zementfabrik Norcem und eine zum finnischen Fortum-Konzern gehörende Müllverbrennungsanlage in Oslo.

Großbritannien plant mit Acorn und dem Unterprojekt Sapling an der Nordostküste Schottlands derzeit ebenfalls ein CCS-Projekt. Bis 2023 soll hier eine kostengünstige internationale CO2-Lagerstätte entstehen. Bestehende Gaspipelines werden dann für den Transport von abgetrenntem CO2 zur Speicherung in einem erschöpften Gasfeld unter dem Meeresboden genutzt. 

In den Niederlanden planen die drei staatlichen Unternehmen EBN, Gasunie und Hafenbetrieb Rotterdam mit dem Projekt Porthos, ab 2030 jährlich zwei bis fünf Millionen Tonnen CO2 in leeren Gasfeldern unter der Nordsee zu speichern. Auch die Häfen von Antwerpen und dem belgischen Gent wollen mitmachen. Porthos hat die EU-Kommission bereits als Project of Common Interest anerkannt und für Folgestudien 6,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.

In Deutschland ist CCS hingegen seit Jahren umstritten. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich beim 10. Petersberger Klimadialog im Mai klar dafür ausgesprochen: Um Emissionen zu kompensieren und klimaneutral zu werden, brauche es Mechanismen wie die CO2-Speicherung. So sieht es auch Umweltministerin Svenja Schulze. Der BUND ist alarmiert: "Wir warnen ausdrücklich davor, gefährliche, teure und unerprobte Technologien wie die Speicherung von CO2 unter der Erde als Klimaschutz zu betrachten", so der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger.

Der Umweltverband setzt stattdessen auf natürliche CO2-Speicher wie Moore, Wälder und Wiesen, für deren Erhalt sich die Weltgemeinschaft stark machen müsse. Klimaforscher Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hält zumindest BE-CCS heute grundsätzlich für unverzichtbar, um Klimaneutralität zu erreichen. Die Anbauflächen für die dafür notwendigen Pflanzen dürften jedoch nicht in Konkurrenz zur landwirtschaftlichen Nutzung stehen. CCS dürfe zudem nicht dazu führen, den Ausstieg aus der Energieerzeugung durch fossile Brennstoffe zu verzögern. Für bestimmte Industrieprozesse, etwa in der Stahl- oder Zementindustrie, könnte CCS jedoch durchaus eine Rolle spielen, weil es dort wesentlich schwieriger als in anderen Sektoren sei, Emissionen zu senken.

Die International Association of Oil & Gas Producers zeigt in einer Übersichtskarte alle weltweit bestehenden und geplanten CCS-Projekte. Sie steht hier zum Download zur Verfügung.  


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