Klimaneutral mit grünem Gas

So emissionsarm Erdgas auch ist – klimaneutral ist der Brennstoff jedoch nicht. Die Weltgemeinschaft hat sich mit dem Pariser Klimaabkommen das Ziel gesetzt, den Anstieg der globalen Temperatur bis 2050 auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen. Dafür muss der Treibhausgasausstoß bis Mitte des Jahrhunderts um 95 Prozent gesenkt werden. Was bedeutet das langfristig für Gaskraftwerke, für Gas-Brennwertheizungen, für Fahrzeuge mit Gasmotor? Sind das Übergangstechnologien, die mittelfristig von CO2-freien Alternativen abgelöst werden müssen?

Dies sind Fragen, die sich auch die Stadtwerke Pforzheim stellten, bevor sie beschlossen, ihren Kohleblock durch Gasmotoren zu ersetzen. Dass sie sich dennoch für diese Technik entschieden, lag nicht zuletzt an der Möglichkeit, die Motoren eines Tages klimaneutral betreiben zu können – durch den Einsatz von grünem Gas, das unter anderem mithilfe von erneuerbaren Energien produziert wird. Diese Aufgabe können verschiedene Technologien und Verfahren übernehmen. Einige davon werden bereits in der Praxis eingesetzt, andere werden derzeit noch in Forschungs- und Pilotprojekten erprobt. Schon lange etabliert ist die Einspeisung von Biomethan ins Erdgasnetz. Gewonnen aus Speiseabfällen, Ernteresten, Gülle und Klärschlamm oder anderer Biomasse ist Biomethan annähernd klimaneutral. In Deutschland werden bereits zehn Terawattstunden Biomethan erzeugt. Damit lässt sich rechnerisch ganz Frankfurt am Main ein Jahr lang beheizen. Und die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft: Ein Vielfaches der aktuell installierten Leistung kann noch zugebaut werden.
 

Erprobte Technik: Gas wird grün

Power-to-Gas nutzt heutige Infrastruktur

Weiteres enormes und bislang ungehobenes Potenzial steckt hierzulande im Power-to-Gas-Verfahren. Dieses Konzept ist der Königsweg zum Klimaschutz, wie eine Leitstudie der Deutschen Energie-Agentur dena zeigt: Der Studie zufolge lässt sich das Ziel einer Minderung der CO2-Emissionen bis 2050 am besten erreichen, wenn der Energiebedarf in den Sektoren Wärme und Verkehr in einem hohen Maße durch grünes Gas gedeckt wird. Verglichen mit einer vollständigen Elektrifizierung aller Sektoren würde ein breiter Technologiemix mit Power-to-Gas als starker Säule laut der Leitstudie bis 2050 insgesamt über 500 Milliarden Euro an Mehrkosten einsparen, auch weil Power-to-Gas bestehende Infrastrukturen nutzt und so den Ausbaubedarf im Stromnetz reduziert. Zudem findet das Konzept deutlich mehr gesellschaftliche Akzeptanz: Da nämlich laut dena-Leitstudie ein großer Teil des künftig in Deutschland genutzten grünen Gases aus dem Ausland importiert werden wird, müssen für Power-to-Gas hierzulande viel weniger neue Windräder und andere Erneuerbare-Energien-Anlagen errichtet werden als bei einer vollständigen Elektrifizierung des Wärmemarktes und des Verkehrs.

Kein Wunder also, dass die Bundesnetzagentur in ihrem aktuellen Szenariorahmen für den Ausbau der Stromnetze Power-to-Gas großes Gewicht gibt. So geht die Behörde davon aus, dass 2030 Anlagen mit einer Leistungsaufnahme von zwei Gigawatt in Betrieb sein werden. Dieses Ziel ist allerdings noch in weiter Ferne. So sind heute gerade einmal drei Dutzend Anlagen installiert. Zusammen kommen sie lediglich auf 30 Megawatt. Die Kapazitäten müssen also schnell und stark wachsen, um das Potenzial der Technologie ausschöpfen zu können. Das wiederum setzt voraus, dass die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen so angepasst werden, dass Investitionen in Power-to-Gas wie auch in Gaskraftwerke attraktiv werden. 

Die Speicherkapazitäten im Gasnetz sind 3.000-mal größer als im Stromnetz, die Transportkapazitäten von Nord nach Süd um den Faktor vier.

Die Bundesregierung hat erkannt, dass sich die Klimaziele für 2050 nur mit einem hohen Anteil an grünem Gas auf volkswirtschaftlich vorteilhafte Weise erreichen lassen. Anstatt bei Wärme und Verkehr vor allem auf die Elektrifizierung zu setzen, betont sie jetzt das Prinzip der Technologieoffenheit. Ein Zeichen für diesen Paradigmenwechsel ist der Dialogprozess „Gas 2030“, den das Bundeswirtschaftsministerium jetzt initiiert hat. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Forschung erörtern in diesem Rahmen die mittel- und langfristigen Nutzungsperspektiven von Gas. In sogenannten Reallaboren will das Ministerium zudem nun in der Praxis untersuchen lassen, welchen Beitrag Power-to-Gas zur Kopplung der Sektoren leisten kann. Mit diesem Kurs folgt die deutsche Politik einer Vorhersage der Internationalen Energieagentur (IEA), nach der Gas eine zunehmend wichtigere Rolle in der globalen Energieversorgung bekommt. IEA-Direktor Fatih Birol bescheinigt dem Energieträger gar eine „glänzende Zukunft“ – eine Entwicklung, die den Klimaschutz ein gutes Stück voranbringen wird, in Deutschland wie weltweit.


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