Der weltweite Güterverkehr auf dem Wasser nimmt zu - und mit ihm die Treibhausgas- und Schadstoffbelastungen für Umwelt und Mensch. Nach Angaben des Weltverkehrsforums verursacht der Transport auf dem Wasser 15 Prozent der Stickoxid- und 13 Prozent der Schwefeldioxid-Emissionen. Auch in Deutschland schlagen die ersten Kommunen bereits Alarm: Denn schon seit längerem werden die Luftqualitätswerte für Stickoxide in Hafenstädten wie Hamburg regelmäßig überschritten. Zwar wird nach Angaben des Umweltbundesamtes nach wie vor ein Großteil der Stickoxide im Stadtverkehr durch Diesel-PKW verursacht. Großstädte wie Bonn oder Düsseldorf werden durch den ausgeprägten Binnenschiffverkehr jedoch doppelt belastet - hier sind bis zu 30 Prozent der lokalen Stickoxid-Emissionen auf die Binnenschifffahrt zurückzuführen. Die Politik steht daher in der Pflicht, Maßnahmen zu entwickeln, welche die Luftqualität schnell und nachhaltig verbessern. Eine Lösung: alternative Kraftstoffe.

Grenzwerte einhalten mit LNG

Eine Untersuchung der Universität Duisburg-Essen zeigt die schmutzige Bilanz der Binnenschifffahrt auf: Entlang der nordrhein-westfälischen Flüsse werden jährlich mehr als zehn Tonnen Stickoxide pro Kilometer ausgestoßen. Vor allem auf dem Rhein, Deutschlands am stärksten befahrener Wasserstraße, ist die Luftverschmutzung durch Schiffe erheblich. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in Berlin: Regelmäßig übertreffen die dieselbetriebenen Ausflugsdampfer hier die europäischen Grenzwerte für Stickoxide um ein Vielfaches. 


Das soll sich ab 2019 ändern. Dann tritt eine neue EU-Vorschrift in Kraft, die deutlich strengere Stickoxid- und Rußpartikel-Grenzwerte für Binnenschiffe vorschreibt. Jedoch gilt die Verordnung nur für neu angeschaffte Motoren, der Bestand von rund 4.000 deutschen Binnenschiffen bleibt dabei unberücksichtigt. Bei einer Erneuerungsrate von unter fünf Prozent werden die Auswirkungen dieser Verschärfung somit erst in vielen Jahren Früchte tragen. 


Auch die Bundesregierung hat den Handlungsbedarf erkannt: Seit April 2007 wird der Einbau von emissionsärmeren Dieselmotoren, Partikelfiltern und Katalysatoren gefördert. Rund vier Millionen Euro standen 2017 dafür zur Verfügung. Eine der vernünftigsten Maßnahmen für schnellen Umweltschutz wird beim Modernisierungsprogramm deutscher Binnenschiffe jedoch noch nicht berücksichtigt – der umweltschonende Kraftstoff Flüssigerdgas.


Das sogenannte LNG hat eine hohe Energiedichte, ist einfach transportierbar und lagerfähig. Und das Beste: Es ist es besonders umweltschonend, denn bei der Verbrennung werden nahezu keine Schwefelemissionen und fast kein Feinstaub verursacht; auch die freigesetzten Stickoxide sinken um etwa 85 Prozent. Zudem sind bis zu 25 Prozent weniger CO2 möglich. Durch den Einsatz von Biogas und synthetischem Erdgas wird der Brennstoff zudem immer grüner. Das macht LNG zur besten verfügbaren Alternative zu den in der Schifffahrt gängigen Kraftstoffen Schweröl und Marinediesel. Einige Projekte zeigen bereits, wie praxistauglich der Kraftstoff ist.

Schlummerndes Potenzial auf Rhein, Main und Elbe

Schon seit 2010 fährt die "Argonon" unter niederländischer Flagge auf deutschen Seestraßen. Als erstes Binnenschiff, das mit einem Gemisch aus LNG und Diesel betrieben wird, ist sie seitdem zwischen Rotterdam und Basel unterwegs. Der Diesel kommt dabei nur für die Zündung der Motoren zum Einsatz – so kann die "Argonon" ihren Ausstoß von Stickoxiden um 40 Prozent senken. Feinstaub wird nahezu gar nicht emittiert. Damit ist das Bunkerschiff auf deutschen Binnengewässern jedoch leider noch eine Ausnahme. 


Unsere Nachbarn sind da weiter: Der Zusammenschluss "Durchbruch für den Einsatz von LNG in der Binnenschifffahrt" ist ein von der EU gefördertes niederländisches Projekt. Zehn Projektpartner arbeiten im Rahmen dieses Konsortiums mit Hochdruck an LNG-Lösungen für die Binnenschifffahrt. Dazu zählen umfassende Forschung zu Investitionen und Business Cases sowie eigene Pilotprojekte: Sechs LNG-betriebene Schiffe sowie vier Bunkerstationen werden entlang der europäischen Hauptwasserstraßen bereits getestet. 


Durch diese Pionierarbeit erkennen auch in der Bundesrepublik mittlerweile immer mehr Akteure den Nachholbedarf in Sachen Umweltschutz auf den Gewässern – sei es auf Flüssen, Seen oder in Hafenstädten an der Nord- und Ostsee.

Mit LNG vom Wattenmeer bis zum Bodensee

Schon vor drei Jahren hat der Umweltschutz bei der Borkumfähre "MS Ostfriesland" an Fahrt aufgenommen: Zwar transportiert sie schon seit 1985 Passagiere und PKWs auf dem Wattenmeer zwischen Emden und Borkum. 2015 wurde das Schiff jedoch als erste Fähre deutschlandweit auf den Antrieb mit LNG umgerüstet. Und auch am anderen Ende Deutschlands macht LNG als Treibstoff Schule: Die Stadtwerke Konstanz setzen ab dem Frühjahr 2020 die gasbetriebene Fähre "FS 2020" im Pendelverkehr zwischen Meersburg und Konstanz auf dem Bodensee ein. 

Lösung für Häfen: Bordstrom aus Flüssigerdgas

Als unmittelbar Leidtragende der Luftverschmutzung haben auch Frachthäfen nachhaltige Lösungsansätze für eine emissionsarme Energieversorgung entwickelt. So hat die Stadt Hamburg den Umstieg auf LNG als Maßnahme in ihren Luftreinhalteplan integriert. Bis 2025 sollen fünf Prozent aller Hochseeschiffe, die den Hamburger Hafen anlaufen, auf LNG umgerüstet sein. 


Aber nicht nur als Schiffsantrieb belasten Diesel und Schweröl die Umwelt. Sie versorgen die Schiffe auch während ihrer Liegezeit kontinuierlich mit Strom – und treiben die Emissionen so weiter in die Höhe. Mehr als zwei Drittel der Stickoxide sind auf Containerschiffe im Hafen zurückzuführen. Um dem entgegenzuwirken, hat die Schiffbauzulieferfirma Becker Marine Systems das "PowerPac" entwickelt – ein mobiles Kraftwerk für Containerschiffe, dessen 1,5-Megawatt-Generator mit LNG betrieben wird. Durch diese externe Stromerzeugung können die lokalen Schiffsemissionen deutlich reduziert werden. Ein Prototyp ist bereits im Hamburger Hafen im Einsatz. Und auch aus dem Ausland wurde bereits Interesse an der Neuentwicklung bekundet. Ein erfreuliches Zeichen, denn Umwelt kennt keine Ländergrenzen - vor allem nicht in Zeiten der Globalisierung, wo 90 Prozent des globalen Handels auf dem Seeweg erfolgen.

Umweltschutz als lokale Herausforderung

Mit wachsendem Welthandel werden der Schiffsverkehr und die Nachfrage nach umweltfreundlichen Schiffen zunehmen. Auch die Kommunen stehen in Sachen Umweltschutz in der Verantwortung, denn durch alternative Kraftstoffe wie LNG können sie selbst einen aktiven Beitrag zu besserer Luft leisten. Beispiele wie die Bemühungen des Hamburger Hafens verdeutlichen, dass flüssiges Erdgas in der Schifffahrt schon heute zur Anwendung finden kann – wenn man die richtigen Weichen stellt. Es ist an der Zeit, dass Städte wie Duisburg, Köln oder Ludwigshafen nachziehen und selbst für sauberere Luft für ihre Bewohner sorgen. Positive Aussichten für Umweltschutz in großem Stil gibt es zumindest bereits: 2022 soll in Norddeutschland das erste LNG-Terminal in Betrieb gehen.

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