Herr Calcagno, danke, dass Sie sich heute Zeit genommen haben. Erstmal ganz allgemein: Worin liegen die Vorteile von LNG? Warum sollten Logistikunternehmen auf LNG umsteigen?

Der Trend und die Notwendigkeit zur Dekarbonisierung sind auch in der Logistikbranche angekommen. Unsere Kunden, Logistikunternehmen, aber auch deren Kunden, sind immer mehr an emissionsarmen, praktikablen Lieferketten interessiert. Das heißt also, wir benötigen eine umweltfreundliche Technik, die heute schon funktioniert und außerdem schnell umsetzbar ist. Gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um ein Dieselfahrverbot interessieren beispielsweise auch große Handelshäuser wie Edeka, Lidl, Netto oder REWE, ob ihre Standorte in den Innenstädten überhaupt noch verlässlich beliefert werden können. Da bieten wir mit LNG eine Lösung, die genau hier Sicherheit und Abhilfe leistet: einen Kraftstoff mit deutlich reduzierten Emissionen, der sofort verfügbar ist. Der Erdgasantrieb ist eine bewährte Technologie und hält mit LNG nun auch im Schwerlastverkehr Einzug – durch die stärkere Komprimierung können wir hohe Reichweiten erzielen, was für unsere Kunden ebenfalls wesentlich ist.

Dass LNG eine immer größere Rolle in der Mobilität einnimmt, zeigt auch die EU-Förderung „Connecting Europe Facility (CEF) for Transport“, die Liqvis im Dezember 2017 erhalten hat. Um was für eine Förderung handelt es sich genau?

Wir freuen uns sehr, diese Förderung von der EU erhalten zu haben. Die EU hat erkannt, dass emissionsarme Lieferketten im Schwerlastverkehr umgesetzt werden müssen. Die Förderung hat eine Höhe von bis zu 9,6 Millionen Euro – die sollen uns dabei helfen, LNG-Tankstellen in Deutschland, Frankreich und Belgien zu bauen. Im Rahmen der Förderung haben wir vierzehn Standorte benannt, hauptsächlich an den Lieferknotenpunkten, wo sehr viel Schwerlastverkehr stattfindet, die sogenannten TEN-T Korridore. Gefördert wird die Bereitstellung von Tankstellen, aber auch begleitende Studien wie technische Untersuchungen, Umweltanalysen und Erhebungen zu positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft.

War diese Bewerbung ein schwieriger Prozess?

Ehrlich gesagt: Ja. Denn man muss immer am Ball bleiben. Wir hatten uns bereits innerhalb des CEF-Calls 2015 beworben. Damals wurde uns auch signalisiert, dass das Projekt durchaus anerkannt wird. Aber wir sind dennoch nicht zum Zuge gekommen. Jetzt waren wir innerhalb des 2016er Calls erfolgreich. Neben dem Aufbau eines Tankstellennetzes beinhaltet das LNG4Trucks-Projekt diverse Studien, die der Gesamtmarktentwicklung zu Gute kommen. Außerdem bemühen wir uns zusätzlich darum, weitere Emissionsreduktionen möglich zu machen, indem wir auch Bio-LNG einsetzen. Diese Aspekte unserer Bewerbung haben wahrscheinlich zum Erfolg geführt und wir haben erfreulicherweise die Förderung erhalten. 

Blue Corridors haben Sie bereits angesprochen. Wenn man sich das LNG-Tankstellennetz anschaut, sieht es in Deutschland im europäischen Vergleich noch eher mau aus. Warum ist das so?

Da spielen mehrere Faktoren zusammen. Ein wesentlicher Punkt ist sicherlich die unterschiedliche Besteuerung des Kraftstoffs LNG. Da liegen wir in Deutschland im Vergleich eher im oberen Bereich, und es gab bis Mitte letzten Jahres zusätzlich noch die Unsicherheit über eine Rückkehr zum alten, höheren Steuersatz. Nun ist es so, dass das Bundesverkehrsministerium den Einsatz von emissionsarmen LNG-Lkw unterstützen möchte und ein Förderprogramm ausgerufen hat, in dem aus unserer Sicht ausreichend Mittel vorhanden wären. Schon seit geraumer Zeit sind diese Mittel aber nicht abrufbar aufgrund von Schwierigkeiten bei den Ressortabstimmungen. Da diese Förderungen nicht rückwirkend ausgeschüttet werden, werden auch die Investitionen in LNG-betriebene Lkw dadurch blockiert. Klar ist: Auch die Logistiker warten darauf, dass die Fördermittel frei sind bevor sie investieren.

Liqvis hat ja bereits drei Projekte gestartet: Um was für Tankstellen handelt es sich?

Genau, wir haben schon heute zwei Tankstellen in Deutschland, in Ulm und Berlin, und eine Tankstelle in Frankreich, in Gardanne. Die Tankstelle in Ulm ist allerdings semi-öffentlich, denn sie befindet sich auf dem Iveco-Gelände. Die werten wir eher als gemeinsamen Feldtest mit Iveco, die auch die LNG-Lkw zur Verfügung stellen. 

Wie ist die Resonanz?

Die ist positiv. Die Tankstelle in Berlin steht bei einem unserer Kunden, auf dem Werksgelände von Meyer Logistik und wird dort auch von Meyer Logistik betreut – auch im Rahmen eines Testverfahrens. Durch das noch beschränkte Tankstellennetz in Deutschland fahren natürlich auch eine begrenzte Anzahl an Lkw auf deutschen Straßen. Unsere Kunden nutzen die Tankstellen aber gut aus. Wir haben mehr als zehn Tankvorgänge pro Tag. Das spricht sich rum! Wir merken: Die Transitkunden, also die Lkw aus dem Ausland, aus Frankreich, Holland, Polen, Spanien fahren unsere Tankstellen ebenfalls an. Das zeigt, dass der Bedarf da ist und ein vernünftiges LNG-Tankstellennetz gebraucht wird. 

Was steht bei Ihnen denn für die nahe Zukunft auf der Agenda und wie geht es mit LNG4trucks weiter?

Für die nahe Zukunft steht natürlich die Erfüllung unseres Förderziels an (lacht): Insgesamt wollen wir vierzehn Tankstellen, acht in Deutschland und jeweils drei in Frankreich und Belgien realisieren. Wir sind in einem konkreten Projekt ja auch schon sehr weit. In Berlin Grünheide soll die mobile Tankstelle durch eine feste Anlage abgelöst werden, um den höheren Absatz zu ermöglichen und höheren Komfortabilität zu erlauben. Weitere Projekte an den logistischen Knotenschwerpunkten untersuchen wir gerade. Zugegebenermaßen fällt es uns schwer, geeignete Grundstücke zu finden, die sowohl den genehmigungsrechtlichen Anforderungen als auch unseren Anforderungen und den Wünschen der Kunden entsprechen. Zeit ist auch für die Logistiker Geld. Die können sich keine großen Umwege leisten, um zu unseren Tankstellen zu kommen, selbst wenn dort der emissionsärmere Kraftstoff zur Verfügung steht. 

Wie könnte man dieses Problem umgehen?

Wir suchen derzeit Kooperationsmöglichkeiten mit verschiedenen Tankstellenbetreibern. Seien es die Autohöfe an den Autobahnen oder kleinere Ketten von Tankstellenbetreibern. Da sind wir an vielen Stellen schon in guten Gesprächen, werden aber noch an den konkreten Vereinbarungen feilen müssen. 

Vielen Dank, Herr Calcagno!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Themen könnten Sie auch interessieren