Zukunft ERDGAS hat den 28. März 2018 zum „CO2-Tag“ ausgerufen. Was bedeutet das?

Dr. Timm Kehler: An diesem Tag hat Deutschland sein CO2-Budget für das gesamte Jahr 2018 aufgebraucht. Eigentlich sollten wir also ab heute bis zum 31. Dezember kein CO2 mehr ausstoßen. Aber wie soll das gehen? Die Kraftwerke abschalten, das Auto stehen lassen und ab jetzt am besten nur noch kalt duschen? Das wird natürlich nicht passieren.

Der CO2-Tag ist ein Weckruf: Wir wollen deutlich machen, dass Deutschland bei seinen CO2-Emissionen nach wie vor weit über seine Verhältnisse lebt. Denn wenn wir das Zwei-Grad-Ziel ernst nehmen, das sich die Welt bei der Pariser Klimakonferenz gesetzt hat, dürfen wir nur noch eine begrenzte Menge CO2 in die Atmosphäre abgeben. Dieses CO2-Budget wollen wir als Zukunft ERDGAS zum Thema machen, denn es ist die relevante Größe bei allen Bemühungen um eine Eindämmung des globalen Temperaturanstiegs.

Auf welcher Grundlage haben Sie ausgerechnet, wann Deutschland sein CO2-Budget für 2018 aufgebraucht hat?

Dem Zwei-Grad-Ziel von Paris liegt ein weltweites CO2-Budget zugrunde. Das wiederum lässt sich auf die einzelnen Mitgliedsstaaten nach ihrer Bevölkerungszahl aufteilen. Deutschland stehen für das Jahr 2018 so 217 Millionen Tonnen CO2- rechnerisch zur Verfügung. Dieses CO2-Budget haben wir leider schon Ende März aufgebraucht. Wir werden 2018 also rund viermal so viel CO2 ausstoßen, als uns zusteht. Wenn wir unseren fairen Beitrag leisten wollen, den weltweiten Temperaturanstieg auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, müssen unsere Emissionen schnellstens runter. 2017 war der CO2-Tag am 3. April, dieses Jahr sind wir sogar eine Woche früher dran. Wir treten beim Thema CO2 also nicht nur auf der Stelle, wir marschieren rückwärts. Und jedes Gramm CO2, das wir in diesem Jahr zu viel erzeugen, wird von unserem restlichen Budget abgezogen. Ziel muss es aber sein, dass unser Jahresbudget mindestens bis zum 31. Dezember reicht. Deswegen sind CO2-Budgets als Bezugsgrößen so wichtig, denn was wir heute zusätzlich einsparen, kommt uns auch morgen noch zugute. Und dafür müssen wir endlich etwas tun. Wir möchten mit dem CO2-Tag deutlich machen, dass alle Zielverfehlungen, die wir uns heute leisten, morgen mit doppelter Anstrengung wettgemacht werden müssen.

Der CO2-Tag ist ein Weckruf: Wir wollen deutlich machen, dass Deutschland bei seinen CO2-Emissionen nach wie vor weit über seine Verhältnisse lebt. Jedes eingesparte Gramm CO2 zählt.

Deutschland bemüht sich seit Jahren um eine Senkung der CO2-Emissionen – leider ohne durchschlagenden Erfolg. Steht die Energiewende vor dem Scheitern?

Die Energiewende ist ein mutiger und richtiger Schritt in Richtung Zukunft. Aber sie bringt nicht die erhofften Ergebnisse, denn in Sachen Klimaschutz macht Deutschland noch immer eine schlechte Figur im internationalen Vergleich. Dabei gibt es Lösungen, die schon heute helfen können: Eine Umstellung von Braunkohle auf Erdgas im Stromsektor würde die CO2-Emissionen um bis zu 70 Prozent senken, neue Gas-Brennwerttechnik anstelle von alten Heizkesseln könnte ebenfalls Millionen Tonnen CO2 einsparen und mit innovativen Technologien wie Power-to-Gas wird Erdgas außerdem künftig immer grüner. Der Schlüssel zum Erfolg ist also eine Kombination von Erdgas und erneuerbaren Energien. Sie ergänzen sich perfekt. Gemeinsam können sie die CO2-Emissionen rasch senken. Jetzt brauchen wir nur noch genug Mut, die bereits vorhandenen Lösungen auch effektiv einzusetzen.  

Die neue Bundesregierung nimmt gerade ihre Arbeit auf. Macht Ihnen der Koalitionsvertrag Hoffnung, dass Deutschlands Klimapolitik in Zukunft die erhofften Ergebnisse liefern wird?

Der Koalitionsvertrag enthält vielversprechende Ansätze. Allerdings mache ich mir Sorgen, dass die Bundesregierung dem Thema Klimaschutz insgesamt eine zu geringe Priorität beimisst. Positiv ist, dass die Koalition sich vorgenommen hat, mit jedem öffentlichen Fördereuro möglichst viel CO2 einzusparen. Das deckt sich mit einer unserer Kernforderungen: In einem marktwirtschaftlichen Wettbewerb sollten bei allen Fragen der Energiewende die Lösungen zum Zuge kommen, die den höchsten Klimaschutz zu den niedrigsten Kosten ermöglichen. Die Energiepolitik darf sich nicht länger in Detailfragen verlieren oder ökonomisch widersinnige Ideen wie eine Vollelektrifizierung aller Sektoren verfolgen. Stattdessen sollten die positiven Ansätze aus dem Koalitionsvertrag in schnelle und effektive Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden. Denn Fakt ist: Jedes eingesparte Gramm zählt. 


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