Die Studie, die von Volkswirten des ewi ER&S durchgeführt wurde, vergleicht zwei Szenarien

Im Szenario Revolution gehen sie von einer Wärmewende fast ausschließlich unter Einsatz von Strom aus. Bei diesem Ansatz aus der Agora-Studie „Wärmewende 2030“ („all-electric“), bei dem die Elektrifizierung im Endkundenbereich auf sechs Mio. Wärmepumpen in 2030 und 13. Mio. Wärmepumpen in 2050 verstärkt wird, verlieren die Gas- und Wärmenetze zwangsläufig viel von ihrer Bedeutung. 

Im Gegensatz dazu steht das Szenario Evolution. Dabei gibt es keine gesetzlichen Vorgaben zu bestimmten Technologien; Der Mensch und der Markt entscheiden unter Einbeziehung von Kosten und Lebensdauern der Heizungen – im Rahmen der vorgegebenen CO2-Ziele. Hier werden die Möglichkeiten der bestehenden Gas- und Wärmenetze weiter optimal genutzt. Auffällig ist auch, dass entgegen der Behauptung einiger Verfechter der Elektrifizierung ein sogenannter „Lock-In-Effekt“ nicht entsteht. Im Gegenteil: „Evolution“ ist besser in der Lage, auf unbekannte technologische Sprünge im Heizungsmarkt bis zum Jahr 2030 zu reagieren. 
 

In beiden Szenarien lässt sich sogar das hohe Klimaziel, 95 Prozent CO2 bis 2050 einzusparen, erreichen. Aber das Szenario Evolution ist schlicht gesagt flexibler, sozial verträglicher und günstiger.

Dr. Arnt Baer

Technologieoffen ist flexibel und günstiger


In beiden Szenarien lässt sich sogar das hohe Klimaziel, 95 Prozent CO2 bis 2050 einzusparen, erreichen. Aber das Szenario Evolution ist schlicht gesagt flexibler, sozial verträglicher und günstiger. Denn mit Gas- und Wärme entstehen bis 2050  mindestens 140 Milliarden Euro weniger Kosten. Studien mit vergleichbarem Gegenstand wie die bekannte und ebenso vom EWI-Institut erarbeitete dena-Studie errechnen sogar Mehrkosten von bis zu 300 Milliarden Euro. Das liegt unter anderem daran, dass die vorliegende Studie von etwas moderateren, konservativeren Annahmen ausgeht. Hauptgrund für den Kostenberg sind die hohen Kapital- und Netzkosten, die bei einer Elektrifizierung des Wärmesektors durch den Zubau von Gaskraftwerken, die hohen Investitionen in Gebäudedämmung und den massiven Ausbau der Stromnetze entstehen würden. 

Demnach wäre der technologieoffene Ansatz günstiger. „Evolution“ bietet auch mehr Flexibilität. Wer kennt schon wirklich die technologischen Entwicklungen, die noch kommen? Solche Fortschritte sind nicht vorhersehbar – wer hätte vor zwanzig Jahren ehrlicherweise den Siegeszug des Smartphones voraussagen können? Wenn die Wärmepumpe 2030 die günstige Art zu heizen ist, können die Menschen die Technik bis 2050 einbauen und nutzen. Angesichts der üblichen Lebenszyklen von Heizungen scheint dies sicher. Würde man sich aber jetzt massiv auf diese Technik festlegen, könnte ein „Lock-In Effekt“ entstehen. 
Denn die Gasheizung und ihre Infrastruktur könnten zu teuer werden, immer mehr Kunden springen ab – das verhältnismäßig geschlossene Gesamtsystem verliert seine Attraktivität. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in manchen Regionen sogar Gasnetze zurückgebaut werden müssten. Hier wäre ein „Spiral-Effekt“ angelegt. 

Selbst wenn 2030 die Gasheizung die beste Technik sein sollte, könnte man sie dann nicht mehr optimal nutzen. Aus diesem Gedankengang ergibt sich letztlich auch eine soziale Problematik. Denn die Infrastruktur müsste von immer weniger Verbrauchern finanziert werden, meist von denjenigen, die sich einen Umzug oder eine neue Heizung eben nicht leisten können, oder die als Mieter keinen Einfluss auf die Entscheidung haben. Am Ende tragen die Menschen vor Ort und die Kommunen die Risiken, deren Netzbetreiber und Stadtwerke als zentrale wirtschaftliche Faktoren in Probleme geraten könnten. 
 

Die Diskussion um einen konkreten Klimaschutz ist gestartet

„Wenn man das klare Ziel der CO2-Minderung hat, braucht es Technologie-Offenheit“, sagte Henning Deters, Vorstandsvorsitzender der GELSENWASSER AG im Rahmen der Pressekonferenz am 23.11.2017, auf der die Studie erstmalig vorgestellt wurde. „Die Ergebnisse zeigen, dass es mit der vorhandenen Infrastruktur kurzfristig möglich ist, sehr viel CO2 zu vermeiden. Wir sollten nicht mehr theoretische Pläne diskutieren, sondern konkret damit anfangen. Indem wir technologieoffen agieren, schaffen wir uns dabei Handlungsfreiheit in Deutschland und in Europa. Es wird deutlich, dass die Verteilnetze für Gas und Strom dabei Dreh- und Angelpunkt sind“, sagte er. „Wir biegen 2030 dahin ab, wo am meisten CO2 gespart wird. Wir sind nicht auf Gas festgelegt, sondern auf die beste Lösung“, erklärte er die Haltung von Gelsenwasser. 


In den letzten Wochen wird eine recht ideologisch geführte Diskussion um die Zukunft der Energiewende erfreulicherweise immer sachlicher und gehaltvoller. Das fällt auf, wo immer man sich in Düsseldorf und Berlin mit der Studie im Gepäck bewegt. Die Suche nach der besten Lösung ist mittlerweile in vollem Gange. Sie wird sicherlich noch einige Monate dauern, denn schließlich geht es um ein großes, komplexes Thema. Am Ende wird es möglich sein, unsere Gesellschaft systematisch und vollständig zu dekarbonisieren! 
 

Vorteile des technologieoffenen Ansatzes

  • Flexibel
  • Günstiger
  • Sozial verträglicher



Autor und Ansprechpartner

Dr. Arnt Baer - GELSENWASSER AG
Leiter Politik und Verbände
Vorsitzender des Arbeitskreises Strategie & Politik von Zukunft ERDGAS

Diesen Artikel kommentieren

Diese Themen könnten Sie auch interessieren