Was bedeutet der Green Deal für die Industrienation Deutschland?

Alle Ziele, den Klimawandel zu begrenzen und damit Treibhausgasemissionen zu reduzieren, betreffen neben dem Gebäudesektor und der Landwirtschaft immer zentral die Industrie, die Energiewirtschaft und den Mobilitätssektor und damit die Automobilindustrie. Daraus wird deutlich, dass Klimapolitik für eine Industrienation eine entscheidende Grundlage für ihre industrielle Basis ist.

Die Kommission möchte ihr Ziel, den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent zu senken, auf 50 bis 55 Prozent verschärfen. Welchen Beitrag kann hierbei der Energiesektor leisten?

Es kommt jetzt darauf an, dass eine umfassende und von der Wissenschaft gestützte Folgenabschätzung durchgeführt wird, Auswirkungen auf alle Sektoren untersucht werden und eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht wird. Der Energiesektor ist Teil des europäischen CO2-Handels. Eine Veränderung der Emissionsvorgaben hat unmittelbare Auswirkungen auf den Energiesektor und die Frage, welche Primärenergien im europäischen Energiemix für die Umwandlung in Wärme und Strom zu welchen Kosten einsetzbar sind.

Die EU-Kommission sieht Investitionen von einer Billion Euro bis 2030 vor. Wie sollen damit ganze Volkswirtschaften umgestaltet werden?

Dieser Vorschlag muss jetzt in Einklang gebracht werden mit allen Programmen für den Wiederaufbau der Europäischen Union nach der Coronavirus-Krise. Hier kann man eine Modernisierung von Industrie, Infrastruktur, Energiewirtschaft und Gesellschaft mit hoher Effizienz - aber bitte ohne "Ideologie" - in ein Leitbild einfügen.

Durch die Corona-Krise wird viel Geld zur Wiederbelebung der Wirtschaft bereitgestellt werden müssen. Welche Auswirkungen hat das auf den Green Deal?

Wie schon dargelegt, müssen die langfristigen Ziele des Klimaschutzes und der Gesamtwirtschaft für den Wiederaufbau in Einklang gebracht werden.

Die EU will durchsetzen, dass Wasserstoff zur Herstellung von „sauberem Stahl“ genutzt wird. In welchen Anwendungsbereichen sehen Sie Potenzial für diesen Energieträger?

Bei der Herstellung von Grundstoffen wie Stahl, Kupfer und Aluminium bietet Wasserstoff ein großes Potenzial. Wir brauchen eine Antwort auf die Frage, ob und welche Förderinstrumente auf europäischer Ebene notwendig werden, um diese Produkte, die einen Weltmarktpreis haben und die an der Börse gehandelt werden, zu wettbewerbsfähigen Preisen in Europa herzustellen. Darüber hinaus gibt es Perspektiven für die Verwendung von Wasserstoff in allen Bereichen, in denen Energie benötigt wird. Zu erwähnen sind die gesamte Industrieproduktion sowie die Mobilität, zum Beispiel der Schiffsverkehr, der Luftverkehr und der Straßenverkehr.

Die deutsche Industrie warnt vor der Überforderung von Unternehmen bei Verschärfung der Klimaziele. Die Kommission hingegen bezeichnet den Green Deal als Wachstumsprogramm. Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen Risiken und Chancen ein?

Für eine Reihe von Produkten, Dienstleistungen und Unternehmen ist eine europäische Erhöhung der Klimaschutzziele eine Chance, bei anderen Sektoren könnte die Gefahr der Deindustrialisierung zunehmen. Entscheidend ist Carbon Leakage, denn strengere CO2-Emissionsreduktionsziele machen nur dann Sinn, wenn sie nicht zu einer Verlagerung der Produktion in Länder außerhalb der Europäischen Union führen. Dort werden die Produkte meist in Fabriken hergestellt, die für das Weltklima von größerem Schaden sind als Fabriken der Gegenwart in der Europäischen Union. 

Reicht das Tempo, das der Green Deal vorgibt, angesichts des fortschreitenden Klimawandels? Und werden sich die avisierten Maßnahmen vor dem Hintergrund der Corona-Krise wie geplant umsetzen lassen?

Die gesamte Europäische Union ist heute noch für acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zudem ist die EU in vielen Sektoren schon jetzt mit ehrgeizigeren Zielen als die meisten Wettbewerber im Weltmarkt unterwegs. Klimaschutz bleibt auch nach der Coronavirus-Krise von großer Bedeutung. Über die Ziele für 2030 und 2050 wird in der EU in den Jahren 2021 und 2022 zu entscheiden sein. 

Die Kommission plant eine europäische Allianz für Wasserstoff. Ist das Ihrer Meinung nach eine geeignete Maßnahme, um den technologischen Abstand zu führenden Ländern wie Japan zu verringern?

Es macht Sinn, dass die besten Forscher und Institute sowie die forschende Industrie gemeinsam in Labors die Marktreife von Wasserstoff erforschen und entwickeln und damit das volle Potenzial Europas nutzen.