Wir haben jüngst entschieden, nicht nur aus der Nuklearenergie, sondern auch aus der Kohleverstromung auszusteigen. Deshalb bedarf es eines verlässlichen, speicherbaren und flexiblen Energieträgers; gerade dann, wenn volatile Erneuerbare unseren Energiebedarf noch nicht decken können. Diese Lücke muss Erdgas füllen. Zudem können bestimmte Prozesse, zum Beispiel in der Industrie, nur mit Gas vollzogen werden.

Als CO2-ärmster fossiler Energieträger ist Erdgas von zentraler Bedeutung. Wir geben uns dabei nicht der Illusion hin, dass man alle Anwendungen elektrifizieren könnte. In diversen Anwendungsbereichen werden auch zukünftig Brennstoffe erforderlich sein.

Erdgas bietet darüber hinaus auch die Möglichkeit, durch Beimischung von Wasserstoff und Biogas immer umwelt- und klimafreundlicher zu werden. Dabei wird der Energieträger Wasserstoff in allen Sektoren eine größere Bedeutung einnehmen. Eine nationale Wasserstoffstrategie hätte hier ein großes Potenzial. Das bringt den großen Vorteil, auf bestehende Infrastruktur und bewährte, effiziente Technologien aufzubauen. Da wir für unsere Industrie und mittelfristig auch für unseren Wärmebedarf weiterhin Gas benötigen, ist dies unverzichtbar.

Wie viel Gas benötigen wir zukünftig, zu welchen Kosten kann künftig synthetisches Gas erzeugt werden und welche Rolle wird Wasserstoff spielen? Diese und andere Fragen diskutieren wir gerade im Dialogprozess Gas 2030 mit allen Akteuren. Für mich ist jedoch heute schon klar: Ohne Erdgas ist eine verlässliche, bezahlbare und klimafreundliche Energieversorgung mittel- bis langfristig nicht denkbar.


Thomas Bareiß
Der Betriebswirt, Jahrgang 1975, ist Mitglied des Deutschen Bundestages und seit 2018 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Zuvor war er Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.


Der europaweite Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft ist unumgänglich. Gesundheit, Sicherheit und Klimaschutz sind hierfür zwingende Maßstäbe.
Doch der Ausstieg aus Kohle und Atom darf im Gegenzug nicht den verstärkten Einsatz von Erdgas in Europa bedeuten. Denn auch Erdgas
ist ein fossiler Brennstoff mit beträchtlichen Treibhausgas-Emissionen.

Das internationale Klimaschutzabkommen, das Deutschland in Paris unterzeichnet hat und das im Deutschen Bundestag 2016 einstimmig beschlossen wurde, gibt einen ambitionierten Pfad für die Dekarbonisierung vor. Deshalb muss Europa alles daransetzen, zügig auf eine saubere und klimagerechte Energieversorgung umzuschwenken.

Die Lösung für die Energieversorgung der Zukunft liegt in Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Hier muss die EU ihre bisherigen Initiativen verstärken und die Vorgaben für die Mitgliedsstaaten dem Pariser Abkommen anpassen. Je stärker der Energieverbrauch durch Spar- und Effizienzmaßnahmen sinkt, desto schneller kann der Bedarf vollständig aus erneuerbaren Energien gedeckt werden.

Die Gasbranche ist gefordert, die Energiewende zu unterstützen und in grüne Technologien zu investieren. Dazu gehören zum Beispiel Anlagen zur Herstellung und Speicherung von Wasserstoff und Methan auf Basis von Ökostrom. Investitionen in rein fossile Infrastruktur wie Gaspipelines oder LNG-Terminals sind dagegen stranded investments. Daran kann niemand Interesse haben.


Julia Verlinden
Die Umweltwissenschaftlerin, Jahrgang 1979, sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag. Sie ist Sprecherin für Energiepolitik ihrer Fraktion sowie Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Energie. 



Kommentare

Simon Horn   31.07.2019

Die Argumente von Herrn Bareiß sind überzeugend und zudem realisierbar. Am Contra erkenne ich das Wunschdenken auf dem bekannten Niveau von Bündnis 90/Die Grünen. Wir leben im Hier und Jetzt und können nicht die Gegenwart mit einem Zeitsprung austricksen. Die Beimischung von mehr und mehr H2 ist die Lösung für eine notwendige und zunehmende Dekarbonisierung (ein schönes Wort).

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