Mit dem Ausstieg aus Kernkraft und Kohle werden die Karten im Strommarkt neu gemischt. Welche neuen Herausforderungen stellen sich für den Strommarkt dadurch?

Derzeit liegt die installierte regelbare Leistung im deutschen Strommarkt ca. 20 Gigawatt über der Spitzenlast; das ist eine erhebliche Überkapazität. Durch den Atomausstieg und den Kohleausstieg wird diese abgebaut und es entsteht Knappheit am Strommarkt. Vor diesem Hintergrund erwarte ich in den nächsten Jahren eine Diskussion, ob das derzeitige Marktdesign sicherstellen kann, dass die benötigte Leistung dort gebaut wird, wo sie auch gebraucht wird.

Sie haben in Ihrer Studie den Fall Süddeutschland untersucht. Warum kommt es dort schneller zu einem Versorgungsproblem als im Rest der Republik?

In Süddeutschland machen Atom- und Kohlekraftwerke mehr als zwei Drittel der installierten konventionellen regelbaren Leistung aus. Atom- und Kohleausstieg treffen Süddeutschland daher besonders hart; zudem reflektiert das deutsche Strommarktdesign den Wert lastnaher Erzeugung derzeit nur unvollständig. Es wird implizit angenommen, dass eine Megawattstunde Strom an jedem Ort in Deutschland gleich viel wert ist, was angesichts der Schwierigkeiten mit dem Netzausbau nicht stimmt. 

Werfen wir einen Blick auf unsere Nachbarn: Welche Maßnahmen werden dort schon angewendet und wären sinnvolle Ergänzungen für den deutschen Strommarkt?

Mit einem immer weiter steigenden Anteil erneuerbarer Energieträger im Strommix wird die lokale Komponente im Marktdesign immer wichtiger. Bisher wird versucht, diese durch relativ isolierte Einzelmaßnahmen zu adressieren, wie etwa den Südbonus im neuen KWK-Gesetz, oder der Besserstellung von windschwächeren Standorten in den EEG-Ausschreibungen. Sinnvoller wäre, die lokale Wertigkeit von Strom umfassend und konsistent ins Marktdesign zu integrieren. Maßnahmen dazu wären beispielsweise kleinere Strommarkt-Preiszonen, die Netzengpässe reflektieren, wie etwa in Italien und Schweden, und regional differenzierte erzeugerseitige Netzentgelte wie in Großbritannien.
 
 

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