Wer macht sich in Berlin, Paris, London oder Prag schon Gedanken darüber, woher das Gas kommt, das den heimischen Küchenherd erhitzt oder die Heizung am Laufen hält. Wichtig ist, dass es bei Bedarf immer verfügbar ist. Rund 50 Prozent des in Europa verbrauchten Erdgases stammt aus europäischen Quellen. Die andere Hälfte kommt aus Nordafrika, dem Nahen Osten und mit knapp 30 Prozent vor allem aus Russland. Dabei stammt der größte Teil des gelieferten russischen Erdgases aus dem Gebiet um Novy Urengoy in Sibirien. Rund sieben Billionen Kubikmeter Erdgas sind in den vergangenen vier Jahrzehnten aus den Lagerstätten rund um die "Gashauptstadt", wie Novy Urengoy auch genannt wird, gefördert worden – derzeit sind es etwa 300 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich. Rund ein Drittel dieser geförderten Menge ist für Westeuropa bestimmt. Aus einer Tiefe von bis zu 4.000 Metern muss das Gas unter dem ewigen Eis hervorgeholt werden. Gut eine Woche ist es nach der Förderung durch das weitverzweigte Pipelinesystem unterwegs, bevor es von Industrie- und Haushaltskunden genutzt werden kann. Die exklusive Reportage auf den folgenden Seiten zeigt die lange Reise des Gases von Sibirien nach Europa.

1. Förderung, Novy Urengoy 

  • Breitengrad 66° 1‘ 28.932“ N
  • Längengrad 77° 17‘ 54.738“ E

Rund um Novy Urengoy liegt, tief unter dem sibirischen Permafrostboden vergraben, eine der größten Erdgasreserven der Welt. Seit 1966 werden diese riesigen Erdgasvorkommen am Rande des Polarkreises im Nirgendwo der Tundra bereits angezapft. Seit 2003 arbeiten hier die beiden WINGAS-Gesellschafter Wintershall und Gazprom im Joint Venture Achimgaz zusammen. Das Unternehmen produziert Erdgas und Kondensat aus dem gleichnamigen Achimov-Horizont der Urengoy-Lagerstätte. Know-how und Expertise beider Partner ergänzen sich in der schwer erschließbaren Achimov-Formation ideal. Während Gazprom auf die Gasförderung in arktischen Gebieten spezialisiert ist, verfügt Wintershall über die technische Expertise, Bohrungen in 4.000 Meter Tiefe und in komplizierten Gesteinsformationen vorzunehmen.

120.000 Menschen wohnen in Novy Urengoy. Oleg Osmigow ist einer von ihnen. Im Dämmerlicht stapft der Chefgeologe der Gazprom-eigenen Bohrfirma Gazprom Burenie auf den fast 60 Meter hohen Bohrturm zu, der einsam in der verschneiten Steppe der sibirischen Tundra steht. Gerade bereiten seine Kollegen alles für die nächste Förderung vor. Osmigow und seine Kollegen erschließen mit einer Bohrung gerade eine neue Lagerstätte.

Auf dem Gasfeld herrschen außergewöhnliche Bedingungen. Nicht nur Osmigows Bart und seine Wimpern sind in Sekundenschnelle vereist, auch das Stahlgerüst der Förderanlage erstarrt in klirrender Kälte – obwohl es heute, wie Osmigow mit einem Lächeln betont, "angenehme 30 Grad unter Null" seien. An den insgesamt 250 Wintertagen kann die Temperatur schon mal auf bis zu minus 60 Grad sinken. Am 1.000 Tonnen schweren Bohrturm angekommen, klettert Osmigow die eiserne Treppe hinauf und öffnet die schwere Tür zum Maschinenraum. Lautstark dröhnt der Turbinenbohrer, der sich durch den 500 Meter dicken Permafrostboden bis tief in die Erde frisst. Die Lagerstätte, die Osmigow mit seinem Team anpeilt, befindet sich in der Achimov-Formation in einer Tiefe von knapp 4.000 Metern.

Der Bohrer hat bereits eine Tiefe von 3.700 Metern erreicht. Vor zwei Monaten haben sie mit der Explorationsbohrung angefangen. "Wir liegen gut im Zeitpla"“, sagt Osmigow im Kontrollraum der Bohranlage. "Die Achimov-Formation ist nicht einfach zu erreichen." Er erklärt, dass die geologischen Strukturen des Gasfeldes wesentlich komplexer sind als die bislang hauptsächlich genutzten Lagerstätten der sogenannten  Cenoman-Formation (1.700 Meter) oder der Valangin-Formation (3.200 Meter). Eine Herausforderung ist auch der mit 600 bar sehr hohe Lagerstättendruck. Zum Vergleich: In einem durchschnittlichen deutschen Haushaltsnetz besteht ein Druck von lediglich 0,5 bar.

"Tyazhelaya rabota, tyazhelaya rabota." Die "harte Arbeit" am Bohrloch erledigen gerade mal eine Handvoll Kollegen. Schweres Gerät wird bewegt, die Gestänge dampfen, kurze Anweisungen ertönen gerade im Minutentakt. Alle 50 Minuten legen die "Rabotniki", die Arbeiter, eine Pause ein und sammeln Kräfte für ihren nächsten Einsatz. Rund um die Uhr wird gearbeitet. Feste Händedrücke, wintergegerbte Gesichter, zustimmende Blicke. Nicht viele Worte, sondern die richtigen zählen hier in der Kälte. "Ich habe vor 30 Jahren als Rabotnik, als einfacher Arbeiter, angefangen", erzählt Chefgeologe Osmigow. Seitdem pendelt er – wie viele andere seiner Kollegen – im Monatsrhythmus zwischen seiner Arbeitsstätte und seiner Heimat im Süden Russlands. Denn die unwirtlichen Gegebenheiten sind nicht für jeden geeignet. "Diese Region ist einfach zu kalt für meine Familie."


2. Aufbereitung, Novy Urengoy

  • Breitengrad 66° 0‘ 55.698“ N
  • Längengrad 77° 6‘ 17.268“ E

Das geförderte Rohgas kommt zur Gasaufbereitungsanlage Nummer 22, der neuesten ihrer Art. Hier kümmert sich das Team von Ildar Gilmutdinov darum, dass das Gas aus Urengoy vor dem Weitertransport zusammengeführt, gereinigt und getrocknet wird. "Wir bereiten die Kohlenwasserstoffe aus den Tiefen der Achimov-Formation auf", erklärt der leitende Ingenieur der Gazprom-Tochter "Gazprom Dobycha Urengoy". "Allein aus den hier zusammengeführten 19 Förderbohrungen strömen pro Stunde mehrere Tausend Kubikmeter Rohgas."

Gilmutdinov steigt auf eine Empore im weitläufigen Maschinenraum. Sein Blick schweift über eine feinorchestrierte Ansammlung von Röhren, Messapparaturen und Tanks. Er bleibt an einigen Anzeigen hängen, die Menge, Dichte, Druck und Temperatur des Erdgases prüfen. Gilmutdinov erklärt die Arbeitsschritte, die hier stattfinden: Zuerst werde der Druck von 120 auf 60 bar reduziert, um Gas und Gaskondensat zu trennen. "Auch die aufwendige Reinigung und Trocknung finden hier statt."

In der Steuerungszentrale, auf zwei riesigen Bildschirmen und etlichen Monitoren, flimmern die Kennzahlen der aktuellen Produktion. Die Leistung der Anlage ist beeindruckend: 3,65 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr und 1,67 Millionen Tonnen hochwertiges Kondensat werden alleine in dieser Anlage aufbereitet. Insgesamt 90 Leute arbeiten hier und sorgen für den reibungslosen Ablauf der Gasproduktion. Ihre tägliche Arbeit wird von den Nachrichten aus den Medien kaum beeinflusst. Zwar kennen die Arbeiter die schwierige Situation in der Ukraine und die damit verbundene veränderte Wahrnehmung Russlands in Westeuropa, doch das habe hier draußen kaum Gewicht.

"Geopolitische Fragen spielen bei uns Gasarbeitern hier auf den Anlagen keine Rolle", sagt Gilmutdinov. "Wir fördern Erdgas – und das geht nur, wenn alle Gewerke vor Ort gut zusammenarbeiten." Was Dmitri Mironenko, der die Anlage vor Ort leitet, mit zustimmendem Nicken bestätigt. "Und wir haben genug Erdgas, um Europa sicher zu versorgen." Allein in der Achimov-Formation, die gerade erst richtig entwickelt werde, schlummere noch viel Förderpotenzial. Etwa drei Billionen Kubikmeter Erdgas warteten darauf, geborgen zu werden.

Für einen Kontrollgang über die Anlage zieht Mironenko seinen dicken Parker an. Draußen bestrahlen riesige Scheinwerfer das Gelände. Gerade mal vier Stunden am Tag ist es hell. Doch für den Anlagenleiter ist der Winter keine unfreundliche Jahreszeit, sondern der Beginn des Frühlings. "Der Frühling kommt irgendwann im Juni und bringt jede Menge Mücken mit", erklärt er. Immerhin habe er für die Arbeit im kalten Norden 60 Tage Jahresurlaub – "genug Zeit, um sich wieder aufzuwärmen".


3. Verdichterstation, Gryazovets

  • Breitengrad 58° 45‘ 37.938“ N
  • Längengrad 40° 12‘ 39.24“ E

2.310 Kilometer südwestlich von Novy Urengoy nimmt Oleg Bogatyrev das aufbereitete Erdgas in Empfang. Die zahlreichen Leitungen auf dem Gelände der Verdichterstation in Gryazovets, in der Nähe der Provinzhauptstadt Wologda, transportieren das Gas zwischen großen Turbinen-Häusern hin und her. Als Leiter der 2008 in Betrieb genommenen Anlage sorgt Bogatyrev dafür, dass das Gas den richtigen Druck für den Weitertransport bekommt. Aber auch, dass Mengen und die Qualität stimmen.

"Mit circa 100 bar leiten wir das Erdgas von hier aus weiter Richtung Deutschland", erläutert Bogatyrev in einer charmanten Mischung aus Deutsch und Russisch. Vor zwanzig Jahren hat er in Deutschland an einem Mechaniker-Fachaustausch teilgenommen. Das hat ihn geprägt.

Auch wenn er Deutschland mag – aus Gryazovets möchte der Ingenieur nicht mehr weg. "Hier und für dieses Projekt zu arbeiten ist ein wenig so, als würde man Mercedes fahren." Um die Dimension seines Arbeitsbereiches deutlich zu machen, bittet Bogatyrev in einen Hubschrauber. Mit lautem Motor zieht der Pilot die Maschine nach oben, kreist über der Verdichterstation Gryazovets und fliegt dann einige Kilometer über dem weitverzweigten Pipeline-Netzwerk entlang. Aus der Luft wird deutlich, was Gryazovets für ein Erdgasknotenpunkt ist.

"Sieben Erdgasleitungen kommen hier an und wir leiten das Gas in drei Leitungen weiter", erklärt Lyatiev Edyard, Chef von 760 Mitarbeitern vor Ort. „Im Grund hat die Ostseepipeline Nord Stream hier ihren Ausgangspunkt“, deutet der 46-Jährige in Richtung Westen. Noch 917 Kilometer und fünf weitere Verdichterstationen, dann erreicht das Erdgas die letzte Anlage an der russischen Ostseeküste. Edyard: "Wir sind an einer strategisch enorm wichtigen Position im Erdgasleitungsnetz – das bedeutet eine hohe Verantwortung dafür, dass es die Menschen in Europa warm haben."


4. Verdichterstation, Portovaya

  • Breitengrad 60° 32‘ 26.1“ N
  • Längengrad 28° 04‘ 00.7“ E

Jetzt ist Europa schon ganz nah: Nur noch 1.224 Kilometer quer durch die Ostsee, dann hat das Erdgas die deutsche Küste erreicht. In Portovaya bei Vyborg gibt eine mächtige Verdichterstation dem Gas den richtigen Schwung für den letzten Streckenabschnitt durch das Meer.

Seit dem Bau der Nord Stream arbeitet Dispatcher Wadim Gontscharow in der letzten Verdichterstation auf russischem Gebiet. Von hier aus kontrolliert er den Gasfluss bis zur Anlandestation in Deutschland. "Eine große Aufgabe", sagt der Mitarbeiter der Gazprom-Tochter "Gazprom Transgaz Saint Petersburg" und zieht den langen Weg auf einer großen Karte in seinem Büro nach. Darum werden hier auf der Station auch nur die erfahrensten Mitarbeiter eingesetzt. Die Anlage selbst zählt weltweit zu den modernsten.

Bis zu 170 Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag können in der Erdgasanlage in Portovaja, rund 1,5 Kilometer vor der Küste, getrocknet und verarbeitet werden. Vor dem langen Weg durch die Ostsee ein besonders wichtiger Prozessschritt. Denn für den Transport durch die längste Unterwasserpipeline der Welt wird das Erdgas auf rund 220 bar komprimiert; eine weitere Verdichtung ist in dem Transportsystem bis zur deutschen Ostseeküste nicht vorgesehen.

Um diesen gewaltigen Druck zu erzielen, verfügt die Station über acht Verdichter mit einer Gesamtleistung von 366 Megawatt. "Der britische Motorenhersteller Rolls-Royce lieferte eine 52-Megawatt-Gasturbine, die zum ersten Mal in einem Erdgassystem verwendet wird. Das ist weltweit einmalig", erklärt Gontscharow. Die Bedeutung der Anlage für das europäische Erdgassystem sei immens.

Ob er denn stolz ist, hier zu arbeiten? „Stolz ist nicht das richtige Wort“, antwortet er. "Ich mache hier nur meine Arbeit." Schließlich sei die Erdgasversorgung ein großes, gemeinschaftliches Projekt, das aus vielen kleinen Rädchen bestehe, die alle funktionieren müssen. Gontscharow: "Diese Station und meine Arbeit hier sind ein Teil davon."


5. Anlandung, Lubmin

  • Breitengrad 54° 9‘ 12.27“ N
  • Längengrad 13° 39‘ 20.898“ E

Ankunft in Deutschland, nach 1.224 Kilometern durch die Ostsee: Wenn das Gas nach dem Transport durch das Meer an Land kommt, ist es vor allem eines: kalt. Denn es hat auf dem Weg die Temperatur des Ostseewassers angenommen – die im Winter nur knapp über dem Gefrierpunkt liegt. "Wir müssen das Gas auf über zehn Grad erwärmen, damit die Temperatur bis zur nächsten Verdichterstation nicht unter fünf Grad fällt", erklärt Betriebsingenieur Stefan Petter. Was den Weitertransport deutlich erschweren würde. Petter arbeitet für die Erdgastransportgesellschaft Gascade, die die Anlage in Lubmin betreibt.

Für das Erwärmen des Gases wird die Abwärme einer hochmodernen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage (KWK) genutzt. Mithilfe von Wärmetauschern wird dem Abgasstrom Abwärme entzogen und Wasser für den Aufwärmeprozess erhitzt. Dank der effektiven Wärmenutzung und der hohen Effizienz der Gasturbine verfügt die KWK-Anlage, die WINGAS und E.ON Energy Projects gehört, über einen Nutzungsgrad von etwa 90 Prozent. Eine Anlage ohne Kraft-Wärme-Kopplung erreicht nicht einmal die Hälfte. Jährlich bis zu 200.000 Megawattstunden Strom kann die Anlage erzeugen – genug, um damit 50.000 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Doch eigentlich geht es in Lubmin um Erdgas. "3,6 Millionen Kubikmeter kommen hier pro Stunde durch", so Mikhail Sarakhan von der Nord Stream AG. In der Übernahmestation wird das Gas in die OPAL- sowie in NEL-Pipeline für den Weitertransport in das europäische Gasnetz eingespeist. Noch eine kurze Reise, dann kann es zigtausend Haushalten Wärme bringen.

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