Wenn man im Jahre 2050 auf den Sommer des Jahres 2020 zurückblicken wird, dann wird die historische Dimension der energiepolitischen Entscheidungen auch für die Gaswirtschaft mehr als deutlich: Deutschland und die EU haben jeweils an einer Wasserstoffstrategie gearbeitet und sie endlich auf den Weg gebracht. Damit hat sich Europa ehrgeizige Ziele gesetzt: Bereits bis 2024 will die EU eine Million Tonnen erneuerbar erzeugten Wasserstoff liefern, im Jahre 2030 sollen es schon zehn Millionen sein. Die hierzu nötige Projekt-Pipeline soll bereits Ende dieses Jahres feststehen und die „European Clean Hydrogen Alliance“ (ECH2A) den hierfür nötigen Rahmen schaffen. Kein Zweifel: Grüner Wasserstoff steht absolut im Fokus aller Bemühungen, um im Jahre 2050 die angestrebte CO2-Neutralität zu erreichen. Gleichzeitig wollen und müssen die EU-Staaten auch ehrgeizig an der Energie-, Mobilitäts- und Wärmewende arbeiten.

So ambitioniert die Ziele für den grünen Wasserstoff auch sind, so müssen die Transformationsprozesse im Mobilitäts- und Wärmebereich parallel stattfinden. Dabei wird die oben genannte Menge an grünem Wasserstoff streckenweise nicht ausreichen. Was liegt da näher, als dekarbonisierten Wasserstoff über die CCS-Technologie (blau) oder Pyrolyse (türkis) hier sinnvoll einzusetzen? Denn auch diese Erzeugungspfade haben das gleiche Ziel: Die Klimaneutralität. Nur durch den gleichzeitigen Hochlauf verschiedener Dekarbonsierungstechnologien erzielen wir eine Systemeffizienz, die letztlich zur Klimaeffizienz führt. Geeignete Mechanismen können Lock-in-Effekte verhindern. Dies ist heute allerdings nur über einen technologieneutralen Ansatz zu erreichen.


Wenn man die Dinge vom Ende her denkt, dann lässt sich die Frage einfach beantworten: Mitte des Jahrhunderts müssen wir als Gesellschaft komplett CO2-frei sein. Dafür brauchen wir 100 Prozent klimaneutralen Wasserstoff. Dafür brauchen wir ein Verfahren, bei dem per se keine Kohlenstoffatome im Spiel sind – und das ist nur grüner Wasserstoff, der durch Elektrolyse von Wasser mithilfe von Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Viele Prognosen legen auch nahe, dass grüner Wasserstoff konkurrenzlos günstig sein wird, weil seine Kosten vor allem an den Kosten von Wind- und Solarstrom hängen. Und diese sinken seit Jahren. Gleichzeitig müssen wir die Tatsache akzeptieren, dass die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels des Pariser Klimaschutzabkommens nur möglich ist, wenn wir unsere 2030-Klimaziele verschärfen – wie es jetzt ja auch in Europa in den kommenden Monaten beschlossen werden soll. Und dann dürfte in der Folge der Bedarf an CO2-armem Wasserstoff in den nächsten 10 bis 20 Jahren größer sein, als wir ihn über grünen Wasserstoff herstellen können, selbst wenn wir beim Ökostromausbau massiv nachlegen. Hier kommt dann blauer oder türkiser Wasserstoff ins Spiel. Das bei der Umwandlung aus Erdgas entstehende CO2 abzuscheiden und einzulagern, ist insofern „second best“, aber besser als kein Klimaschutz. Zentral dabei ist jedoch ein rigoroses Monitoring der CO2-Ströme inklusive Zertifizierung und Haftungsregime, damit die versprochenen CO2-Minderungen auch tatsächlich stattfinden.

Eine langfristige Option für klimaneutrales Wirtschaften ist der blaue oder türkise Wasserstoff indes nicht. Denn sowohl der Methanschlupf in der Erdgasförderung als auch der CO2- Schlupf im CCS-Prozess führen dazu, dass er eben nicht klimaneutral ist. Deshalb sollten wir blauen und türkisen Wasserstoff als Brücke betrachten: Er kürzt den Weg zum grünen Wasserstoff ab und kann dabei helfen, ihn schneller zum Einsatz zu bringen. Die Diskussion sollte sich daher darum drehen, wie lange die blaue Brücke sein kann und wie wir sicherstellen, dass sie auch wirklich in eine Welt mit grünem Wasserstoff führt.


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