Ohne Aufwand ganz nebenbei im Alltag zum Klimaschutz beitragen? Das Beispiel Norwegen zeigt, dass das keine Wunschvorstellung sein muss: Denn ähnlich wie hierzulande trennen die Norweger ihren Müll, der – je nach Art - in verschiedenfarbigen Beuteln gesammelt wird. Während recyclebare Plastikreste in der blauen Tüte landen, beinhaltet der grüne Beutel ein besonders wertvolles Gut: Eierschale, Apfelstrunk und Brotkruste treten nach der Abholung durch die Müllabfuhr ihre Reise in das nordöstlich von Oslo gelegene Vormsund an, wo sie seit 2013 als Grundlage für die Gewinnung des emissionsarmen Energieträgers Biogas dienen.


Damit dies gelingt, bedarf es jedoch zunächst der Vorbehandlung der angelieferten Lebensmittelreste in der von der kommunalen Waste-to-Energy Agency (EGE) betriebenen Anlage: Ein automatisierter Vorgang sorgt dafür, dass die Müllbeutel geöffnet und die Abfälle zerkleinert sowie per Förderband weitertransportiert werden. Auf ihrem Weg kommen sie in Kontakt mit einem Magneten, der unerwünschte metallische Verpackungsrückstände aus dem Bioabfall entfernt. Durch den Zusatz von Wasser werden anschließend in einem Tank auch größere Verpackungsmaterialien aus Plastik beseitigt, sodass ein flüssiges Bio-Substrat entsteht. Ein feinmaschiges Sieb mit 10 mm großen Löchern filtert schließlich die möglicherweise noch verbliebenen Fremdstoffe heraus – damit ist der erste wichtige Schritt hin zum Bio-Kraftstoff getan.

In 24 Tagen zum Biomethan

Von nun an beginnt der eigentliche Herstellungsprozess des CO2-neutralen Biomethans: Damit Krankheitserreger und Pilze keine Chance haben, wird das Substrat bei einem Druck von 4.5 bar rund 30 Minuten bei mindestens 130 Grad Celsius gekocht. Durch einen abrupten Druckabfall werden die Zellwände der Substratstoffe weiter aufgebrochen, damit sie im nächsten Schritt besonders effizient weiterverarbeitet werden können. Das norwegische Unternehmen Cambi AS hat diesen eigens patentierten Prozessschritt, der auch „thermale Hydrolyse“ genannt wird, als Experte für die Verarbeitung von Bioabfällen mit seinem Know-how unterstützt.Nun setzt das Substrat seinen Weg in Richtung der drei Reaktortanks mit einem Fassungsvermögen von je 3.200 Kubikmetern fort. Verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit verrichtet eine Bakterienkultur hier in den kommenden 24 Tagen bei 38 Grad Celsius die entscheidende Arbeit, indem sie die Lebensmittelabfälle unter Luftausschluss zersetzt. Durch diesen Abbauprozess entsteht Gas, das zunächst aus lediglich 60 Prozent Methan und 40 Prozent CO2 besteht.


Mithilfe verschiedener chemischer Verfahren - u.a. der Druckwasserwäsche und Druckwechseladsorption - wird das unerwünschte CO2 aus dem Bio-Gas entfernt, sodass der Reinheitsgrad des Methans auf 97 Prozent gesteigert werden kann. Aber auch hier ist noch nicht Schluss: Unter dem Druck von 30 bar wird das aufbereitete Gas verdichtet und das restliche Kohlenstoffdioxid durch Molekularfilter adsorbiert. Das Ergebnis: 99,9% reines Methan. Knapp 14.000 Kubikmeter werden hiervon täglich in Romerike produziert. Ein wichtiger Partner bei diesem Produktionsschritt ist der finnische Konzern Wärtsilä, der die Biogas-Tiefenreinigung und die anschließende Flüssigerdgas-Erzeugung technisch umgesetzt hat. Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur umweltschonenden Tankfüllung…

10.000 Tonnen weniger CO2 dank Brotkruste und Kartoffelschale

Durch die Abkühlung auf -166 Grad verflüssigt sich das gewonnene Biomethan. Gleichzeitig reduziert sich sein Volumen im Vergleich zum gasförmigen Zustand um den Faktor 600, was eine platzsparende Speicherung und einen kostengünstigen Weitertransport des LBG (liquefied bio gas, verflüssigtes Biogas) ermöglicht – zum Beispiel zu den Osloer Busdepots. Bereits 2012 hat die Verkehrsgesellschaft Ruter mit der Umstellung der Flotte auf Erdgas begonnen. Schon ein Jahr später konnte das Unternehmen auf den Betrieb mit regional erzeugtem Biogas umsteigen. Seitdem leisten die jährlich 4.000 Tonnen LBG aus Romerike einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors.


Knapp 135 Busse mit CNG-Antrieb sind heute in Oslo unterwegs, wo sie Tag für Tag zahlreiche Einwohner und Touristen von A nach B transportieren – und das nicht nur deutlicher leiser als mit einem Dieselfahrzeug, sondern auch wesentlich umweltschonender. Bereits vier gefüllte grüne Müllbeutel à 2 kg produzieren Kraftstoff für eine Busfahrt von einem Kilometer. Pro Jahr können die CO2-Emissionen im Transportsektor so um 10.000 Tonnen reduziert werden – ein wichtiger Schritt in der Nachhaltigkeitsstrategie der norwegischen Hauptstadt, die unter anderem für dieses Engagement von der Europäischen Kommission als „European Green Capital 2019“ ausgezeichnet wurde.

Regionaler Wertschöpfungskreislauf: Von Romerike nach Romerike

Doch was passiert eigentlich mit den vergorenen Lebensmittelresten? Auch jetzt sind sie viel mehr als bloß ein „Rest“, denn die Wertschöpfung ist noch nicht am Ende angelangt: Als wichtige Nährstoffquelle für die Bestellung der regionalen Äcker kommen die Gärrückstände in Form von jährlich 27.000 Tonnen Bio-Dünger bei etwa 100 mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieben zum Einsatz. Die dort geernteten Nahrungsmittel stehen dann wenig später in den Regalen zahlreicher Supermärkte und schließlich in den Kühlschränken der Norweger. Und alles, was von ihnen nicht verbraucht wird, tritt kurz darauf erneut die Reise nach Romerike an – in einem mit Biogas betriebenen Fahrzeug der Müllabfuhr.

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